Ein anderer Blickwinkel ist manchmal viel wert !!!!!
Auf einer kleinen, windgepeitschten Insel irgendwo zwischen den Kartenrändern der Welt lebte eine Languste namens Liora. Was sie von allen anderen Langusten unterschied, war nicht ihre schimmernde, kupferfarbene Schale oder ihre erstaunlich langen Antennen – sondern ihr Lieblingsort: ein alter, knorriger Baum hoch über dem Meer.
Niemand wusste genau, wie Liora dorthin gekommen war. Die Möwen erzählten sich, sie sei bei einem Sturm aus dem Wasser geschleudert worden. Die Krabben behaupteten, sie habe sich einfach entschlossen, etwas Neues auszuprobieren. Liora selbst lächelte nur geheimnisvoll, wenn man sie fragte.
Der Baum, auf dem sie lebte, war eine uralte Kiefer, deren Wurzeln sich in den Felsen krallten. Seine Äste ragten weit hinaus über die Brandung, und wenn die Wellen hochschlugen, sprühte feiner Salznebel bis hinauf zu Lioras Aussichtspunkt. Dort oben hatte sie sich ein kleines Reich eingerichtet: zwischen Nadeln, Zapfen und vom Wind gebogenen Zweigen.
Am Anfang war es nicht leicht gewesen. Langusten sind nicht gerade für ihre Kletterkünste bekannt. Doch Liora hatte Geduld. Mit ihren kräftigen Beinen und unermüdlichem Ehrgeiz hatte sie gelernt, die raue Rinde zu greifen, sich Stück für Stück nach oben zu arbeiten und das Gleichgewicht zu halten, selbst wenn der Baum im Sturm ächzte.
Warum sie blieb? Weil sie von dort oben Dinge sehen konnte, die kein anderes Meerestier je sah.
Sie beobachtete Sonnenaufgänge, bei denen das Meer in flüssiges Gold verwandelt wurde. Nachts blickte sie in einen Himmel voller Sterne, die sich im Wasser spiegelten, sodass sie sich fühlte, als schwebe sie zwischen zwei Unendlichkeiten. Und manchmal, wenn das Licht genau richtig fiel, sah sie ihre eigene Welt – das Meer – aus einer völlig neuen Perspektive.
Eines Tages kam eine junge Möwe namens Taro neugierig näher.
„Warum bist du hier oben?“, fragte er und legte den Kopf schief.
Liora bewegte langsam ihre Antennen im Wind. „Um zu sehen, was ich sonst nie sehen würde.“
Taro lachte. „Aber du gehörst doch ins Wasser!“
„Vielleicht“, antwortete Liora ruhig. „Aber manchmal muss man seinen Platz verlassen, um herauszufinden, wer man wirklich ist.“
Mit der Zeit wurde Liora zu einer kleinen Legende. Die Fische unten im Wasser erzählten von der Languste im Baum. Die Möwen berichteten von ihr auf ihren weiten Flügen. Selbst die alten Schildkröten nickten weise, wenn ihr Name fiel.
Und Liora? Sie blieb dort oben, zwischen Himmel und Meer, ein seltsames, wunderbares Wesen an einem unmöglichen Ort – und vielleicht gerade deshalb genau am richtigen.
Danke für das Lesen dieser kleinen Geschichte, viel Spaß beim Suchen wünscht Donnerkeil70