Der alte Maler hatte in seinem Leben schon viele Orte gesehen,
doch keiner hielt ihn so gefangen wie dieser Eine.
Jahrelang kehrte er jeden Morgen hierher zurück, setzte sich unter die Eiche
und betrachtete stundenlang,
wie sich die langen, schleierartigen Zweige vor ihm im Wind wiegten
und ihre Blätter das Sonnenlicht filterten.
Es war dieses eine, lebendige Naturkunstwerk,
das er in unzähligen Skizzen zu bannen versuchte
- sein absolutes Lieblingsmotiv.
Als seine Hände zittrig wurden
und die Farben vertrockneten,
beschloss er,
ein Stück seiner Seele genau hier zurückzulassen.
Er packte seine wertvollsten Sachen zusammen,
sicherte sie mit einem Schloss
und bettete sie tief in das Herz des Baumes unter dem er so oft saß.
Seine treuesten Pinsel,
die ihn ein Leben lang begleitet hatten,
übergab er den Ästen,
wo sie noch heute leise im Wind tanzen ...
In seinem letzten Tagebucheintrag hinterließ er Zeilen für jene,
die denselben kreativen Geist in sich tragen:
"Meine Reise endet,
doch die Galerie an meinem liebsten Zufluchtsort soll weiterleben.
Wer diesen Platz mit den Augen eines Suchenden betritt und meine wertvollen Sachen findet,
ist eingeladen,
Teil meines letzten Werkes zu werden.
Ein stummer Name im Buch bedeutet mir nichts
- verewigt euch mit einem Pinselstrich, einer kleinen Skizze,
einem Zeichen eurer Kreativität,
damit dieses Buch niemals aufhört zu wachsen.
Um das Schloss zu öffnen,
müsst ihr dem Pfad meiner Schöpfung nachgehen.
Betrachtet meine im Wind schwebenden Werkzeuge und folgt dem Rhythmus,
in dem ich dieses Motiv immer und immer wieder auf die Leinwand brachte:
ich begann stets mit der Weite des Horizonts und wählte dafür die kälteste Farbe.
Danach setzte ich die Akzente und brachte das strahlende Licht auf die Leinwand.
Zum Schluss, als das Bild Tiefe gewann, vollendete ich das Werk mit dem dunkelsten Schatten.
Ich werde diesen Ort vermissen,
an dem ich so viele Morgenstunden verbrachte.
Wenn ich die Augen schließe,
sehe ich meinen täglichen Pfad noch genau vor mir:
Ich bog stets dort ab, wo kurz zuvor die Eule ihren Ruf entließ.
Weiter folgte ich dem schmalen Band des Bachlaufs,
lauschte dem plätschernden Wasser,
bis ein wenig Holz mir erlaubte,
das Ufer zu wechseln.
Ein paar Schritte noch entlang des Pfades,
bis ich am ersten markanten Baum am Rande stand.
Von dort an weisen fünfundneunzig Schritte(m) mich zum Glück,
fest im Blick die dreihundertvierundvierzigste Spanne des Windes (°)
und ich erreiche mein liebstes Ziel ..."
Wer heute vor dem Baum steht,
spürt noch immer den Hauch von Kreativität.
Behandle das vergessene Atelier mit der Ehrfurcht,
die einem alten Meister gebührt,
und hinterlasse alles so unberührt,
wie es die Zeit seit Jahrzehnten für dich bewahrt hat.