Tagebuch des Johann Philipp Möller
5. September 1786 – Nachmittagsreise von Regensburg nach Neustadt an der Donau
Mittag, gegen halbe Eins verließ ich Regensburg, das altehrwürdige Haupt der Donau, das sich mit seinen ehrfurchtgebietenden Türmen und engen Gassen wie ein steinernes Gedicht vor dem reisenden Auge auftut. Mein Aufenthalt dort war kürzer, als das Herz es wünschte, doch der Umstand gebot Eile; mein gewähltes Pseudonym war erkannt worden, und so trat ich in aller Eile die Weiterfahrt an.
Der Weg gen Süden geleitete mich zunächst durch fruchtbares Gefild, links und rechts die Donau, der ich nicht zum letzten Mal folgen werde. Die Sonne stand warm, aber milde über der offenen Ebene, die sich in flachen Bögen bis an den Horizont schmiegte. In der Luft lag noch das schwere Atemholen des Spätsommers, und die Ähren, nunmehr vom Schnitter verlassen, neigten sich wie müde Häupter dem neuen Tag.
Kurz nach der zweiten Stunde erreichte ich Abbach, jenen Ort, wo sich der Strom zwischen Kalkfelsen hindurchzwängt. Die Landschaft öffnete sich plötzlich zu einem gewaltigen Schauspiel: Weiße Felswände ragten empor, vom Sonnenlicht geschärft, das Wasser drängte sich dazwischen in ewigem Lauf. Ein Bild von solcher Naturwahrheit, dass mir beinahe die Feder aus der Tasche sprang. Ich gedachte dabei der Worte des alten Plinius über das formende Werk des Wassers – nie zuvor hatte ich sie so lebendig vor mir gesehen.
Gegen die dritte Stunde kam ich nach Saal an der Donau, wo frische Pferde auf mich warteten. Der Ort, von bescheidener Statur, spannte eine einfache Brücke über den ruhigen Fluss. Kinder spielten am steinernen Ufer, während ein Bursche die Tiere tränkete. Man reichte mir einen Becher Most, dessen herbe Frische wie ein Gruß aus dem Obstgarten wirkte. Die Pferde scharrten ungeduldig – sie schienen meine Eile zu teilen.
Die Weiterfahrt führte mich durch die offenen Fluren Richtung Abensberg, das auf sanften Hügeln ruht. Ich gewahrte eine Kapelle auf einer Anhöhe, wohl auf römischem Grund errichtet, wie mir der Kutscher andeutete. Weiterhin durchquerten wir Heiligenstadt, ein unscheinbares Dorf, das mehr dem Wind als dem Menschlichen zu lauschen schien.
Dann kam ich nach Gögging, wo mir feuchter Dunst entgegenstieg – schwer und schwefelig lag er in der Luft. Ich erinnerte mich, von diesen Quellen gelesen zu haben, und stellte mir vor, wie die Dämpfe aus dem Erdinnern das Fleisch reinigen mögen. Ein Ort für den Leib, gewiss – doch mir war heute das Geistige näher. Der Wagen fuhr rascher, als wir diesen Ort durchmaßen.
Kurz nach der sechsten Stunde erreichte ich Neustadt an der Donau, das mir mit festem Mauerkranz entgegentrat. Am Regensburger Tor ließ ich wiederum die Pferde wechseln, beim ehrbaren Posthalter Zirngibl, dessen Haus sich am Platze neben der Kirche befand. Man bot mir ein einfaches Mahl – Brot, Käse, ein wenig Wein – und ich genoss es mit jener Stille, die sich nur in der Bewegung finden lässt.
Die Sonne neigte sich bereits zum Horizont, doch der Abend war noch jung. Die Straße nach Süden, hieß es, sei gangbar, das Wetter günstig. Durch das Mauerner Tor will ich die Stadt verlassen, den Blick noch einmal zurück auf den trutzigen Mauergürtel werfend. Ich überlegte nicht lang: Vielleicht – wenn kein Unglück geschieht – erreiche ich noch heut München, das Herz Altbayerns. Dort will ich ruhen, die Gedanken ordnen und mich stärken für das, was jenseits der Berge wartet.
J. Ph. M.
(im Wagen, südlich Neustadt, dem Abend zu)
Als Ausdruck des Dankes für die mir in dieser Stadt entgegengebrachte Freundlichkeit und redliche Gastfreundschaft, ließ ich, im Geiste des stillen Erinnerns, dem ehrbaren Posthalter ein verborgenes Gästebuch zurück. Nicht offenbar und nicht aufdringlich liegt es dort, sondern heimlich, wie es dem Reisenden geziemt, der seine Spuren nur jenen überlässt, die mit wachen Sinnen zu lesen vermögen.
Suche das Haus, welches einst die Posthalterei barg – ein ehrwürdiges Gebäude, das noch heute in seinem Mauerwerk die Atemzüge vergangener Tage bewahrt. An seiner Stirn befindet sich eine Gedenktafel, die in schlichten Worten meiner Durchreise gedenkt. Dort, wo der Stein das Wort bewahrt, kannst du nun zweierlei in Erfahrung bringen:
- A = Buchstabenwortwert meines Ziellandes, wohin ich, vom Süden träumend, die Blicke richtete.
- B = Buchstabenwortwert meines wahren Nachnamens, schlicht und ohne jeden Titel, wie ihn der Mensch trägt, wenn er allein mit sich unterwegs ist.
Und wenn du diese Zahlen in deinem Sinn bewegest, so wirst du den Ort erkennen, an dem sich das Gästebuch (von der Gedenktafel aus) verbirgt:
👉 In einer Entfernung von 2×A – 18 Metern
👉 Und in einem Winkel von 2×B - 6 Grad
Möge der Suchende das Finden nicht dem Zufall überlassen, sondern der feinen Kunst des Sehens und Denkens.