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Der Pflasterschisser - Eine Eppsteiner Geschichte (hier fand der TB seinen Anfang)
Bei dem Spitznamen, den die Bremthaler den Eppsteinern verpasst haben, schwingt durchaus ein wenig Gehässigkeit mit, aber auch Neid. Während in den Nachbardörfern noch gestampfter Lehm als Straßenbelag genügen musste, leisteten die Eppsteiner sich schon früh eine gepflasterte Burgstraße und knüpften den Nachbarn zudem für die Nutzung der Durchfahrt einen Pflasterzoll ab.
Dank Hans-Jakob Sauer werden die Eppsteiner auch immer wieder an diesen ungeliebten Spitznamen erinnert: Der Architekt, Zimmermann, Kapellmeister und Organist richtete in seinem nach einem Brand umfassend renovierten Fachwerkhaus an der Ecke Burgstraße/Rossertstraße ein Restaurant ein und gab ihm den mit einer gehörigen Portion Selbstironie gewürzten Namen „Pflasterschisser“.
Das spätgotische Eckgebäude mit dem auffallenden Fachwerk brannte am 28. Dezember 1979 lichterloh. Ein Kurzschluss in einem Kabel hatte den Brand ausgelöst. Das Feuer zerstörte das Dach, das Gebäude musste entkernt werden.
Schon vorher hatte es Stimmen in Eppstein gegeben, die für den Abriss oder eine Verlagerung des sogenannten Born-Sauer-Hauses plädiert hatten, damit die Durchfahrt von der Burgstraße in die Rossertstraße verbreitert werden könnte. Jetzt drängten die städtischen Gremien erst recht auf Abbruch. Doch Besitzer Hans-Jakob Sauer wusste genau, welcher Schatz sich unter Verputz und der Schieferverkleidung verbarg: gotisches Fachwerk im fränkischen Stil. Schließlich hatte er das Haus noch unverputzt gesehen.
Nur das exakte Alter wurde erst durch die dendrochronologische Untersuchung nach dem Brand genau festgestellt – und war damals eine kleine Sensation: Das Haus wurde im Jahr 1459 errichtet und war das älteste Fachwerkhaus des Kreises. Nun war an ein Versetzen des Fachwerks oder gar an einen Abriss nicht mehr zu denken.
Der Brand zwang Sauer zu handeln. Aus der schon vorher geplanten schrittweisen Renovierung wurde eine Komplettsanierung. Über fünf Jahre arbeitete der Eppsteiner an dem Haus, bis das heutige Schmuckstück fertig war.
Mit dem originellen Namen für das Restaurant waren damals längst nicht alle Eppsteiner einverstanden, erinnert sich Sauer. Aber Vorwürfe wie der, er sei ein „Nestbeschmutzer“, ließ Jean-Jaques, wie der 80-Jährige in Eppstein genannt wird, lässig an sich abgleiten – und setze noch eins oben drauf.
Der Bremthaler Holzschnitzer Hans-Albert Herrmann, der zum 800-jährigen Bestehen seines Stadtteils einen lebensgroßen Bären geschnitzt hatte – dem Spitznamen, den die Bremthaler von ihren Nachbarn erhielten – erstellte 2006 auch den Eppsteinern eine Symbolfigur ihres Spitznamens.
Als Herrmann ein Modell für seinen „Pflasterschisser“ suchte, fragte er den stadtbekannten Eppsteiner Sauer. „Er hat ein markantes Gesicht“, zählte Herrmann ein wichtiges Kriterium auf, „und auch genug Humor, sich in einer doch etwas delikaten Position darstellen zu lassen“.
Sauer zögerte auch nicht lange, als Herrmann mit seinem Ansinnen zu ihm kam und ließ für den Künstler seine Jeanshose runter. Dass er Modell für den „Pflasterschisser“ stand, will Sauer eigentlich nicht so gern hervorgehoben haben. „Das liegt ja wohl in der Natur der Sache“, sagt er humorvoll und vermutet, dass nicht viele Eppsteiner den gleichen Mut aufgebracht hätten.
Eine Grünanlage oder exponierte Stelle kämen für die neue Figur wohl kaum in Frage, waren sich Sauer und Herrmann einig und schlugen deshalb vor, sie mit einem Informationsschild über die historische Bedeutung des Spitznamens vor dem Felsen am westlichen Burgaufgang aufzustellen. Bis dorthin hat es der Pflasterschisser allerdings nie geschafft. Eine Zeit lang war er im Garten von Sauer zu bewundern, wo er sich heute befindet ist unbekannt.
Im Jahr 2011 sorgte der Pflasterschisser erneut für öffentliches Aufsehen als mit einem anonymen Drohbrief der Streit eskalierte, der schon seit Monaten zwischen der neuen Pächterin des Traditionslokals und den Anhängern des ehemaligen Wirts des Pflasterschissers schwelte. Der betrieb seit Anfang 2011 das Gasthaus „Zum Taunus“ auf der gegenüberliegenden Straßenseite und hatte am Osterwochenende entgegen der offiziellen Absprache schon vor Beginn der Freiluftsaison die Außenbestuhlung aufgebaut. Die Polizei ließ den Platz räumen.
Davor hatte die Pflasterschisser-Pächterin schon unter Repressalien zu leiden: Verklebte Eingangsschlösser, nächtliche Drohrufe auf der Straße, Pöbeleien vor der Wirtshaustür und Hundekot im Briefkasten des Hausbesitzers. Nicht einmal vor den eigenen Gästen war sie sicher. Einige beschmierten die Toiletten, andere beschwerten sich pöbelnd und in unangemessener Weise über das Essen.
Während die beiden Wirte auf Vermittlung der Stadt den Streit um die Ausschankfläche auf dem Wernerplatz zumindest offiziell beigelegt hatten, wurde die Kluft unter den Gästen immer größer: Wer Sympathien für die Pflasterschisser-Wirtin hegte, boykottierte das Gasthaus „Zum Taunus“, Anhänger des Taunus-Wirts mieden das Fachwerkhaus.