This is not collectible.
Torsten schnaufte, wie so oft schon auf diesem verlängerten Cacherwochenendtrip. Irgendwie war der Harz noch nie so ganz seins gewesen. Immer bergauf, bergab. Wandern mochte ja ein ganz nettes Hobby sein, seins war aber das Cachen - und da war das Wandercachen ja nur ein kleiner Ausschnitt, den man seiner Meinung nach auch nicht überbewerten sollte. Er war mehr für die Dose, an die man mehr oder weniger ranfahren konnte und schnell wieder weg.
Hier waren sie schon gefühlt 124595 Kilometer gelatscht, um an alle möglichen Dosen zu kommen. (…)
Nun waren sie auf dem Weg zu einem alten Multi mit einer seltenen Wertung, leider auch mit einem selten langen Anmarschweg von drei Kilometern – zu Torstens größtem Leidwesen natürlich nicht gerade waagerecht. (...) Noch 500 Meter bis zum Start müssten es nach seinem GPS sein. Sollten die anderen schon mal schauen, er kam gemütlich hinterher geschlurft. Immerhin bot die Landschaft am Weg einen schönen Anblick. Der Wald hier war durchzogen von Felsformationen, manche größer, manche kleiner. An zwei bizarr anmutenden Felsgruppen waren sie schon vorbeigekommen, die sich inmitten von Baumgruppen unerwartet in den Himmel reckten und aussahen wie versteinerte Skulpturen.
(…)
Torsten näherte sich den dreien, die sich bereits im Suchmodus befanden. Er griff in die Seitentasche seines Rucksacks und beförderte den Rest seiner Wurstschnitte heraus, belegt mit Original Harzer Knüppel, einer luftgetrockneten aromatischen Mettwurst, die er sich mit einem Mal in den Mund stopfte.
„Wir suchen drei Zahlen.“, sagte Sanne, die kurz aufschaute, als er sich näherte. Die drei hatten die typischen Suchpositionen eingenommen – Blick überall hin, wo etwas verborgen sein könnte. Das war vor allem am Wegweiser möglich, den Manne und Matze schon im Visier hatten. Sanne selbst schaute sich im Bereich der Bank neben dem Wegweiser um.
Die Aktionen seiner Mitcacher sahen nicht sonderlich vielversprechend aus. Hm. Torsten ließ seinen Blick über den Boden links von der Bank schweifen. Der Multi hatte eine Schwierigkeit von 3,5, also nicht ganz so locker machbar. Felsig, also keine Möglichkeit, Zahlen zu verbergen. Er ging in Richtung des ungefähr drei Meter hohen Felsbrockens hinter der Bank und nahm ihn kritisch in Augenschein. Nach einer Umrundung war er sich sicher, dass hinter dem Felsen keine Versteckmöglichkeit war, zudem waren die Startkoordinaten dann mit elf Metern zu weit weg.
Mit gerunzelter Stirn stierte er noch einmal die Vorderseite des Felsens an. Links unten stutzte er bei einem ungefähr zehn Zentimeter breiten natürlichen Vorsprung. Zwischen dem Felsuntergrund und dem Vorsprung war etwa 15 Zentimeter Luft. Er stöhnte laut und vernehmlich, was Matze zu einem „Er nu wieder...“ und einem Augenrollen brachte, ging in die Hocke und befühlte den Felsvorsprung von unten. Da waren Vertiefungen, die er mit seinen Fingerspitzen fühlte. „Ich glaub, hier ist was!“ sagte er zu den anderen, wuchtete seinen Rucksack ab und kramte seinen Taschenspiegel heraus, auch so eine obligatorische ECGA jedes Cachers. Die anderen unterbrachen ihre ohnehin erfolglosen Suchversuche und stellten sich um Torsten herum. Der hielt den Spiegel unter den Felsvorsprung und grinste triumphierend. „Hier!“, sagte er, „1 – 3 – 8, sogar schön weiß angemalt, wahrscheinlich sogar in UV-Farbe, damit man es auch nachts lesen kann.“
„Perfekt.“, sagte Manni. „Ist ein Start-Ziel-Multi, also sollten wir es gleich haben. Moment noch…“ er krauste die Stirn und schrieb. „Kann das jemand noch gegenchecken, ob ich richtig gerechnet habe? Meine Koos sind am Ende Nord 458 und Ost 769.“
„Korrekt.“, sagte Matze nach kurzer Zeit. „Hab ich auch raus. Checker können wir hier eh vergessen, Netz ist ja im Harz inner Natur nicht. Wird schon stimmen, ist von hier aus 430 Meter geradeaus. Wohl hinter dieser Riesen-Felsengruppe da vorne, schätze ich. Ist ja nicht ganz einfaches Gelände bei T4.“
„Na dann los, Jungs, Zack Zack, Endspurt, die letzte Dose für heute wartet!“, trieb Sanne sie an und schon waren sie wieder auf dem Weg.
Die Felsformation war wirklich beeindruckend. Man konnte auf Leitern hochklettern, was sie sich allerdings verkniffen, erstmal die Dose finden, den Fernblick hoben sie sich für danach auf.
„Die Koos zeigen wirklich hinter die Felsen, und schaut mal, da hinten geht ein Trampelpfad rein.“, sagte Manni. „Der Hint ist „hinten unten Felsen“, naja, könnte auch etwas eindeutiger sein, aber es gibt immerhin ein Spoilerbild.“
Manni pirschte voran, umquerte die Felsen und rief zurück: „Bleibt mal vorne, ist etwas eng hier und der Pfad ist auch eher ein Scherz!“ Die drei hörten es rascheln und knacken, dann war Stille.
„Hast du was gefunden? Sollen wir kommen?“ fragte Sanne in die Stille hinein.
Nichts.
„Hallo? Noch da?“ fragte Sanne noch einmal.
Nichts.
Dann Geraschel.
Kurze Zeit später erschien Manni totenbleich an dem äußeren Felsen. An seinem Gesichtsausdruck war allen sofort klar, dass er irgendetwas absolut Fürchterliches gesehen haben musste.
Er stützte sich an den Felsen und sank in die Knie.
„Torsten, da liegt eine Tote. Geht da bitte nicht hin, es sieht unglaublich grauenvoll aus.“
Torsten zückte sofort sein Smartphone und ging mit für ihn beeindruckender Schnelligkeit zu dem Trampelpfad. Immerhin war ein Notrufempfang möglich. Nicht mal das war überall im Harz garantiert.
„Kommst du klar, Manni? Brauchst du Hilfe?“
„Nee, geht schon.“, sagte der, immer noch total bleich und mit einem schier entsetzten Gesichtsausdruck, den Torsten bei seinem lebensfrohen Cacherfreund noch nie gesehen hatte. „Aber ich geh da nicht mehr hin, verlang das nicht von mir! Geht da nicht hin!“ sagte er nahezu flehend.
„Alles gut.“, beruhigte Torsten ihn. „Ist mein Job, mach dir keinen Kopf. Ich mach das schon!“ Er bahnte sich seinen Weg hinter die Felsen, die von hinten viel voluminöser schienen als von vorne. Er musste sich festhalten, um nicht an den steilen Felsnasen abzurutschen, um zwei Felsvorsprünge gehen – und fast wäre er auf die Leiche getreten. Es musste ein doppelter Schreck für den armen Manni gewesen sein – er erwartete eine Dose und fand eine Tote…
Das Aussehen der Toten nun aber ließ auch ihm, den hartgesottenen Kriminalisten, das Blut in den Adern gefrieren. Dem Geruch nach lag die eigentümlich verrenkte Leiche hier schon einige Zeit – ganz abgesehen von ihrem Zustand. Das Dunkle auf dem ohnehin dunklen Felsen musste ihr eingetrocknetes Blut sein. Das Grauenvollste war, dass sich außer den Kleinlebewesen auch die großen Tiere des Waldes bereits an der Leiche zu schaffen gemacht hatten. Das Gesicht war durch die Fraßspuren nicht mehr zu identifizieren und auch den Bauchraum hatten Tiere ausgeweidet. Die Rückstände der ehemals hellen auch durch Tierbisse in Mitleidenschaft gezogene Wanderkleidung waren ebenfalls dunkel von Blut. Definitiv war lediglich, dass es sich um eine Frau mit langen blonden Haaren handelte. Alles Weitere könnte schwierig werden. Torsten griff nun zum Smartphone und rief seine Kollegen an. Man gut, dass das hier nicht sein Einsatzgebiet war. Hier hatte er einen Erstschaden weg, soviel stand fest. Während er telefonierte und die nötigen Daten und Anweisungen gab, merkte er, dass sich das Blut aus seinem Kopf zurückgezogen hatte. Vielleicht sollte er gleich mal einen Kopfstand machen um nicht umzukippen. Zumal die Kollegen aus Wernigerode bis hierher ewig brauchen würden, mit Einsatzfahrzeugen würde das hierher nichts werden. Immerhin wurde es wenigstens noch nicht dunkel.
Er machte noch diverse Fotos und bahnte sich den Weg nach vorne zurück.
(…)
Manni ließ sich schwer auf die Bank fallen. „Da fehlen einem die Worte.“, sagte er leise. „Und wenn ich noch so viele Krimis und Horrorfilme gesehen hab, dieses realistische Bild werde ich wohl nie mehr richtig aus dem Kopf bekommen. (…) Was passiert jetzt?“ fragte Matze, der sich schon wieder eine Zigarette ansteckte, was ihm Torsten, sonst strenger Nichtraucher, in dem Fall nicht verübelte.
„Ich hab über Notruf das Kommissariat in Wernigerode benachrichtigt und die werden ihre Leute schicken, aber das kann natürlich dauern, wie wir ja nun wissen. Ist ja nicht gerade eine Bundesstraße hier raus.“, sagte Torsten. „Habt ihr noch was zu essen und trinken dabei?“ Alle nickten, aber Manni sagte: „Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass ich jetzt was essen oder trinken kann?“
„Doch, gerade jetzt und gerade du!“, insistierte Torsten. „Du musst jetzt deinen Kreislauf wieder in Schwung bringen, du bist ja kurz vor dem Abklappen.“
Sanne pfriemelte einen Traubenzucker aus ihrer Rucksackvortasche. „Ja, das ist jetzt super.“, sagte Torsten. „Rein damit, Manni!“