Hier ein Cache zu den bewegenden
Hintergründen rund um die grausame Bombennacht des 22. Mai 1944 in
Hilfarth.
Der folgende Textauszug stammt aus
dem Heimatkalender des
Kreises Heinsberg 2006. Und wurden von Herrn Heinz Dieken
recherchiert und geschrieben. Die Verwendung des Textes
erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Hilfarth am 22. Mai
1944
Es ist Sonntag, der 21. Mai 1944.
Eigentlich ein schöner Tag, obwohl Krieg herrscht, denn heute ist
Muttertag. Hilfarth der Ort an der Rur, ist bisher von größeren
Kriegsereignissen verschont geblieben. In den Nächten hat es zwar
oft Alarm gegeben, aber meistens sind die Bombergeschwader der
Royel Air Force zu den größeren deutschen Städten geflogen. So auch
in dieser Nacht vom 21. auf den 22. Mai …
Waddington,
England
Auf
den englischen Flugplätzen herrscht am Nachmittag des 21. Mai schon
wieder hektisches Treiben. „Es soll mal wieder etwas Größeres
anliegen“, munkelt man. Auch auf dem Flugplatz Waddington
(Lincolnshire) werden an diesem Nachmittag die Lancaster Bomber der
463. SQ (Squadron) mit Luftminen, Spreng- und Brandbomben
beladen.
Zum ersten Mal einen scharfen Einsatz fliegen
soll heute die Besatzung des Piloten K.E. Archay. Er ist 23 Jahre
alt, stammt aus Gladstone/Queensland in Australien und ist mit
seiner Crew erst am 11. Mai zur 463. SQ versetzt worden. Bis auf
den 20jährigen englischen Bordmechaniker Sergeant F.N. Rice sind
alle Besatzungsmitglieder Australier, der 29jährige Navigator W/O
A.F. Mayne, der 21jährige Bombenschütze F/S J.E. Jasper, der
28jährige Funker F/S L.W. Weeden, der 21jährige Bordschütze F/O
A.F. Mattingley und der 29jährige Heckschütze F/O E.H. Ross. Ihnen
wird die Lancaster B I mit der Serien-Nr. ME580 und der
Staffelkennung JO-Q zugeteilt: Ein ziemlich neues Flugzeug mit erst
260 Flugstunden. Bei der Einsatzbesprechung erfahren die
Besatzungen ihr Angriffsziel. Es soll wieder einmal die Stadt
Duisburg sein. Die ersten Bomber starten in dieser Nacht gegen
22:20 Uhr. Um 22:40 Uhr startet auch die Besatzung der JO-Q zu
ihrem ersten – und letzten Einsatz. Heute Abend werden 510
Lancaster Bomber und 22 Mosquitos der 1., 3., 5. und 8. Gruppe
eingesetzt. Aber noch ist alles ruhig, weder die Leute in der Stadt
Duisburg, noch in Hilfarth ahnen Schlimmes. Doch von diesen
Maschinen werden 32 Lancaster nicht mehr zurückkehren, und nach
Ende dieses Angriffs sind im südlichen Teil der Stadt Duisburg 350
Häuser total zerstört, 655 Gebäude beschädigt und 124 Personen
tot.
Hilfarth
In
der Breitestraße 44 in Hilfarth wohnen zu dieser Zeit meine (des
Autors) Urgroßmutter Anna Königs geb. Spiertz, ihre Tochter
Magdalena Venrath geb. Königs, ihr Sohn Hubert mit seiner Frau
Mathilde geb. Röhlen und Söhnchen Arnold Lorenz, erst sechs Jahre
alt. Hubert Königs, von Beruf Korbmacher, ist zur Zeit Soldat in
einem Infanterie-Regiment an der Ostfront. Er weilt auf Urlaub und
soll am Freitag, den 26. Mai 1944 wieder zur Front
zurückkehren.
An diesem Sonntagabend ereignen sich zwei
Dinge, die später als Vorahnungen der Kinder Arnold Lorenz sowie
seiner Cousine Gertrud Strömer gedeutet werden. Gertrud, auch kurz
Gerta genannt, geht fast jeden Abend zur Oma Anna, um dort zu
übernachten. An diesem Abend des 21. Mai will sie aber partout
nicht dorthin. Sie ist die jüngste von sechs Kindern der Eheleute
Josef und Gertrud Strömer und rettet so unbewusst ihr eigenes
Leben.
Der Junge Arnold Lorenz soll an diesem Abend
von seiner Tante Magdalena zu Bett gebracht werden, so wie es schon
öfters geschehen ist, denn die Eltern Hubert und Mathilde sind
nicht da. Sie machen noch einen Besuch bei Mathildes Mutter, es ist
ja Muttertag. Da ihr Sohn aber von der Tante nicht ins Bett
gebracht werden möchte und andauernd weint, entschließt diese sich,
nach längerem Hin und Her, die Eltern des Jungen wieder nach Hause
zu holen. Da sie nicht genau weiß, wo die beiden hin sind, klingelt
sie auch an der Haustür von Josef Strömer, dem Schwager, um sich zu
erkundigen. Als sie dort nicht sind, geht sie weiter. Nach einiger
Zeit hören die Eheleute Strömer, die mittlerweile zu Bett gegangen
sind, wie die Schwägerin mit den gesuchten nach Hause geht. Aus
damaliger und heutiger Sicht sieht es so aus, als ob der Sohn seine
Eltern bei sich haben wollte, um gemeinsam mit ihnen zu
sterben.
Twente/Leeuwarden
Auf
diesen beiden holländischen Flugplätzen sind im Mai 1944 Nachtjäger
der deutschen Luftwaffe stationiert. Es ist die III. Gruppe des
Nachtjagdgeschwaders 1. Gruppenkommandeur ist der bekannte
Nachtjäger Martin Drewes, der bis jetzt 37 Abschüsse erzielen
konnte. Ausgerüstet ist die Gruppe mit Messerschmitt Me 110 G-4,
einer zweimotorigen Maschine, die sich als Nachtjäger besonders gut
eignet. Nachdem die Funkmessgeräte den Bomberstrom erfasst haben,
der sich auf das Festland zu bewegt, starten auch die Nachtjäger
des NJG 1, um diesen zu bekämpfen, unter anderem die Me 110 G-4 mit
der Kennung G9+WD von Hauptmann Drewes.
Um 0:44 Uhr schießen die deutschen Nachtjäger
die ersten Bomber ab, die in Richtung Duisburg unterwegs sind. In
dieser Nacht wird Hauptmann Drewes insgesamt fünf RAF-Bomber
abschießen. Um 0:50 Uhr erfolgt sein erster Abschuss. Acht Minuten
später um 0:58 Uhr treffen Drewes mit seinem Bordfunker
Oberfeldwebel Petz auf die Lancaster JO-Q der Bestzung Archay. Was
sich jetzt im Einzelnen abspielt kann man nach über 60 Jahren nur
noch vermuten. Sehr wahrscheinlich ist, dass der Pilot und einige
Besatzungsmitglieder nach dem Beschuss durch den Nachtjäger tot
oder so schwer verletzt sind, dass das Flugzeug vom Kurs abkommt.
Es kann sich aber noch einige Minuten in der Luft
halten.
Um die Maschine leichter zu machen, war es
üblich, sich sofort der Bombenlast zu entledigen. Dieses Manöver
führt auch der Pilot oder Copilot der Lancaster aus. Da auf der
Erde alles verdunkelt ist, ahnt er wahrscheinlich nicht, dass er
sich gerade über einer Ortschaft befindet. Kurz bevor die Maschine
abzustürzen droht, lässt sie ihre gesamte Bombenladung im Notwurf
fallen…

Hilfarth
Es ist kurz nach 1:00 Uhr. Die Eheleute
Josef und Gertrud Strömer sind gerade dabei, weil es Luftalarm
gegeben hat, mit ihren Kindern in den kleinen Keller zu gehen, als
es plötzlich mitten im Dorf eine ungeheuer starke Detonation gibt.
Ein gleißendes Licht, das sekundenlang aufleuchtet, gefolgt vom
Krachen der einstürzenden Häuser und dem Prasseln der Steine und
Ziegel. Durch die Druckwelle fliegen sämtliche Fenster auf.
Teilweise werden sie aus den Rahmen gerissen. Das abgedunkelte
Licht geht aus. Dann Totenstille. Die Luftmine und sämtliche
Sprengbomben fallen so durch Zufall in den Ort Hilfarth und treffen
das Haus Breitestraße 44 (heute das Gebäude zwanzig Meter links der
Apotheke) und die Nachbarhäuser. Es ist genau 1:08 Uhr.
Da muss etwas Schlimmes geschehen sein! Man
hört Schreie des Entsetzens, des Schmerzes und der Verzweiflung.
Josef Strömer macht sich auf, wie auch noch einige andere, um
nachzusehen, was passiert ist. Als er auf die Breitestraße kommt,
wird ihm sofort klar, dass die Bomben in das Haus seiner Schwägerin
eingeschlagen sind. Ein riesiger Bombentrichter befindet sich genau
dort, wo einmal das Haus gestanden hat. Es riecht nach Trümmerstaub
und Tod. Meterhoch liegt der Schutt. Sämtliche Häuser in der
Nachbarschaft sind ebenfalls dem Erdboden gleichgemacht, oder es
stehen nur noch Ruinen. Die ganze Straße ist durch Schutt
blockiert. Einige Leute versuchen, Verletzte zu bergen, denen
Gliedmaßen fehlen. Beim Rest einer Toreinfahrt gibt es plötzlich
laute Schreie. Die Druckwelle hat einen älteren Mann hoch
geschleudert und dieser ist beim Herabfallen mit seinem Kragen an
einem Haken, an dem vorher eine Leiter gehangen hatte, hängen
geblieben.
Zehn bis zwölf Häuser werden dem Erdboden
gleichgemacht, wobei 18 Personen sterben. Die Lancaster fliegt noch
etwa zwei Kilometer weiter, bevor sie in Himmerich abstürzt. Die
Tragflächen mit den Motoren werden durch Bäume abgerissen. Nur der
Rumpf bleibt einigermaßen erhalten auf einem Feld hinter dem
Bauernhof der Familie Graab liegen. In letzter Minute hatte eines
der Besatzungsmitglieder noch versucht abzuspringen. Sein
Fallschirm öffnete sich nicht mehr. Er wurde später – bis zur
Hüfte in der Erde steckend – tot aufgefunden. Alle
Besatzungsmitglieder der Lancaster JO-Q waren ums Leben gekommen.
Die Toten werden später im Rheinberg War Cemetery
beigesetzt.
Der ganze Unglücksort wird abgesperrt, die
Toten nach und nach geborgen – vollständig erhaltene Körper
oder auch nur Gliedmaßen. Hubert Königs findet man unten am Ende
der Kellertreppe sitzend, ohne Beine. Sie sind ihm einfach
weggerissen worden. Von seiner Frau Mathilde findet man so gut wie
gar nichts mehr. Man sucht in den nächsten Tagen immer dort, wo
sich viele Fliegen aufhalten, nach menschlichen Überresten. Und
wenn man fündig wird, werden diese in einen Sarg gelegt, den man
auf den Trümmern bereitgestellt hat.
…..
Das
„Staatsbegräbnis“
Die Beerdigung der Opfer wird von Seiten
der Partei für Freitag den 26. Mai angesetzt. Es soll eine Art
„Staatsbegräbnis“ veranstaltet werden. Die Toten will
man in einem großen gemeinsamen Grab beisetzen, aber ohne
katholischen Priester. Dagegen lehnen sich die betroffenen
Angehörigen dermaßen auf und drohen schon, ihre Toten einzeln zu
beerdigen, so dass sich die Partei schließlich gezwungen sieht,
einen Geistlichen zu gestatten. Unter großer Anteilnahme der
Bevölkerung werden die Opfer in einem Gemeinschaftsgrab
beigesetzt.
……….
Die Gräber befinden sich heute als Mahnmal und
Erinnerung für alle nachkommenden Generationen auf dem alten
Friedhof in Hilfarth.
Quellenangabe:
Text:
Heimatkalender des Kreises Heinsberg 2006 Seite 134 Auszug aus dem
Artikel "Hilfarth am 22. Mai 1944" von Heinz Dieken
Bild:
wikipedia