Bereits in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts war Bernhard Joseph Kock (1779-1859) der bedeutendste
Leinenverleger in Borghorst. Er hatte selber keine eigenen Kinder,
nahm sich aber zahlreicher Kinder aus Verwandtschaft und
Bekanntschaft an und gab ihnen eine gute Ausbildung.
Die „Baumwoll Warps und Cops
Spinnerei in Borghorst“ (Warps = Kettengarn, Cops = Hülsen) wurde
am 09. März 1861 gegründet. Die Gründer der Firma sind in der
nachfolgenden Übersicht gelb markiert.
Zudem gehörte zu den Gründern der BWS
eine Franziska Kalthoff, geb. Kock. Ich vermute, dass Franziska
eine Tochter von Engelbert Kock und damit ebenfalls ein Pflegekind
von B. J. Kock war.
Die Entwicklung der
Firma
Die BWS nahm ihren Betrieb
wahrscheinlich erst 1864 auf, als man auf das Ende der
Baumwollkrise hoffte. Bis zum Sommer 1865 musste das junge
Unternehmen eine existenzbedrohende Durststrecke durchstehen, denn
die Preise für Rohbaumwolle hatten sich infolge des Amerikanischen
Bürgerkriegs seit 1861 verdreifacht.
alte Warps, ca. 1875
Nichtsdestotrotz liefen im Jahr 1880
in der BWS bereits 24000 Spindeln bei einer Belegschaft von 256
Personen. 1893 waren sogar 25000 Spindeln in Betrieb.
24 Jahre nach der Gründung erfolgte
die Umwandlung der offenen Handelsgesellschaft in eine
Kommanditgesellschaft.
1906 wurde die Spinnerei und Weberei
„Borghorster Aktiengesellschaft“, die aus der Firma Brader, Rabe
& Co. hervorgegangen war, inklusive der Bleicherei und Färberei
Nünningsmühle, von der BWS übernommen.
1907 zerstörte ein verheerender Brand
die Spinnerei und Weberei an der Gantenstraße, doch mit dem
Wiederaufbau wurde noch im selben Jahr begonnen.
Am 01. Oktober 1907 schied Franz Kock
aus der BWS aus, um die Leitung der neu gegründeten Spinnerei
Gebrüder Kock zu übernehmen.
Nach der Inflation und dem Scharzen
Freitag 1929 – die Baumwolle stand mit 18 Dollar-Cents auf dem
niedrigsten Stand – geriet auch die Borghorster Warps-Spinnerei in
eine bedrohliche wirtschaftliche Situation. Die schlechte
wirtschaftliche Lage und jahrelange Kurzarbeit in der deutschen
Textilindustrie zwang die BWS 1931 zur Aufgabe des Werkes
Emsdettener Straße. Ein Teil der hier beschäftigten Mitarbeiter
wurde vom Betrieb Gantenstraße übernommen, um eine zweite Schicht
einzurichten. Der Betrieb an der Gantenstraße wurde 2006
eingestellt.
Die Fabrik an der Emsdettener
Straße
Als die Fabrik an der Emsdettener
Str. 1861 errichtet wurde, gab es noch keine Autos oder LKW, die in
Serie produziert wurden. Gängige Transportmittel waren die
Eisenbahn oder Pferdekutschen.
Die Eisenbahnstrecke Münster – Rheine (über Emsdetten) ging
bereits 1856 in Betrieb. Die Eisenbahnstrecke Münster – Gronau
(über Borghorst) dagegen erst 1875. Die ersten Warenlieferungen
haben ihren Weg also bestimmt über Emsdetten gefunden. Daher war
der Standort an der Emsdettener Straße aus damaliger Sicht durchaus
attraktiv.
Über dem Hauptportal des
viergeschossigen Gebäudeteiles an der Emsdettener Str. war eine
Madonna auf einer Konsole angebracht. Daher war das Werk auch unter
dem Namen „Muttergottes Spinnerei“ bekannt.
Als im Jahr 1931 die Stillegung der
Fabrik erfolgte, begann auch der Verfall der Anlage. Davon blieb
auch die Marienfigur nicht verschont.
alte BWS, ca. 1956
1973 erwarb die ehemalige Stadt
Borghorst das Grundstück der „Alten Warps“ zum Zwecke der Sanierung
mit finanzieller Hilfe des Landes Nordrhein-Westfalen. Nach der
kommunalen Neugliederung, die am 01.01.1975 in Kraft trat, wurde
planungsrechtlich festgelegt, dass auf dem städtischen Gelände der
früheren „Alten Warps“ das Rathaus der jungen Stadt Steinfurt
erbaut werden soll.
alte BWS, ca. 1956
Die Muttergottesfigur wurde
restauriert, die Fabrikruine hingegen im Sommer 1977 abgebrochen
und der 40 m hohe Schornstein gesprengt. Während der Bauzeit des
heutigen Rathauses fand die Muttergottesfigur vorübergehend einen
Platz an der Westfassade der Marienschule. Heute ziert die
qualitätsvolle Statue aus dem 19. Jahrhundert, die aus Baumberger
Sandstein gearbeitet wurde, die Eingangshalle des Rathauses. Sie
ist das letzte Überbleibsel der alten
Fabrikanlage.