Die alte Fabrik der Firma Arnold Kock
befindet sich direkt im historischen Zentrum von Borghorst. Anfang
Dezember 1811 wurde das freiweltlich adelige Damenstift aufgehoben.
Damit einher ging auch der Verkauf von Gebäuden und
Länderein.
Das Textilgewerbe blühte im
Münsterland bereits vor der Industrialisierung. Die großen
Händlerfamilien waren – auch über die Grenzen der einzelnen
Ortschaften hinweg – häufig miteinander verwandt und verschwägert.
Und sie verfügten über Kapital. Daher verwundert es nicht, dass
ehemalige Besitzungen des Damenstifts im alten Zentrum von
Borghorst nun in das Eigentum von Textilhändlern
übergingen.
1861 entstand an der Oststraße (heute
Arnold-Kock-Str.) die erste mechanische Weberei mit 96 Webstühlen,
die von einer Hochdruck-Dampfmaschine von 12 PS betrieben wurden.
Sie wurde von den Schwägern Anton Brinkhaus und Heinrich
Wieschebrink gebaut. Der Betrieb wurde während der durch den
amerikanischen Bürgerkrieg ausgelösten Baumwollkriese aufgenommen.
Bereits 1865 wurde Konkurs angemeldet. In den 1870er Jahren hielt
sich das Unternehmen als Lohnweberei für andere Firmen über Wasser
und wurde 1875 schließlich von Arnold Kock (sen.)
aufgekauft.
Nach den Angaben auf der Homepage der
Fa. Arnold Kock beginnt die Firmengeschichte dieses Unternehmens
jedoch bereits 1925 mit dem Betrieb einer Nesselweberei. Auch hier
wird wieder deutlich, dass „Weberei“ nicht zwangsläufig mit
„Fabrik“ gleichzusetzen ist. Die Ursprünge des münsterländischen
Textilgewerbes liegen noch weit vor dem Zeitalter der
Industrialisierung.
Bis 1878 wurde die Zahl der Webstühle
auf 131 erhöht. Nach dem Tod von Arnold Kock (sen.) übernahm sein
Sohn Eduard die Firma. Im Jahre 1887 wurde der 300. und im Jahre
1889 der 400. Webstuhl in Betrieb gesetzt, die Belegschaft wuchs
auf 244 Personen.
1895 wurde der Weberei an der
Oststraße eine Schlichterei, Färberei und Bleicherei angegliedert.
Die Bleicherei wurde aber schon 1896 nach Wilmsberg verlegt. Dort
versprach man sich bessere Wasserverhältnisse.
Nach dem Tod von Eduard Kock wurde
das Unternehmen von Arnold Kock (jun.) geleitet. 1950 wurde
Borghorst zur Stadt. 1954 wurde Arnold Kock (jun.) ihr
Ehrenbürger.
Der Websaal III (Ecke
Arnold-Kock-Str. – Rubenstr.) ist der jüngste Websaal. Von
ehemaligen Kock-Mitarbeitern wird er auch als „Automatensaal“
bezeichnet. Er ist unterirdisch mit den anderen Websälen verbunden.
Dort, wo er heute steht, befand sich früher eines der 4 Kanonikate
des Damenstifts.
Fa. A. Kock um 1955
1990 wurde die Produktion an der
Arnold-Kock-Str. eingestellt. Lediglich der Werksverkauf blieb noch
für einige Jahre in dem ehemaligen Pförtnergebäude.
Die Websäle I und II befinden sich heute in Bank-Besitz, der
Websaal III wurde von der Stadt aufgekauft. Über seine weitere
Nutzung gab es in jüngerer Vergangenheit häufig
Diskussionen.
Die Firma Arnold Kock ist das einzige
große Borghorster Textilunternehmen, das während des Zeitalters der
Industrialisierung im 19. Jahrhundert entstand und bis heute
besteht. Dennoch wäre es übertrieben zu behaupten, dass der
Untergang der münsterländischen Textilindustrie spurlos an ihm
vorübergegangen ist. Auf der Homepage ist schlicht zu
lesen:
2003
Die Daun-Gruppe, einer der weltgrößten Textilkonzerne, beteiligt
sich an der Arnold Kock Textil GmbH.
Dies ist wohl nichts weiter als der
Verweis darauf, dass die Herrschaft der einst großen und
einflussreichen einheimischen Textilunternehmer-Familien am Ende
der Globalisierung weichen musste.