Am Freitag, dem 27. April 1945, endet für die Region des Jestetter Zipfels der 2. Weltkrieg.
Französische Truppen besetzen Jestetten, Altenburg und Lottstetten.
Einige Wochen später, am Abend des 14. Mai 1945 kam für die Einwohner dieser drei Gemeinden der völlig überraschende Befehl zur Räumung der drei Dörfer. Am Morgen des kommenden Tages sollten alle Bewohner um 8.00 Uhr abmarschbereit sein. Die Nacht hindurch wurde in der Eile das Wichtigste auf Wagen und Karren verladen, Bürgermeister und einflussreiche Persönlichkeiten versuchten vergebens die Maßnahme noch abzuwenden.
Tags darauf setzten sich 3500 Menschen, begleitet von Besatzungssoldaten, in einer 4km langen Kolonne Richtung Baltersweil in Bewegung. Dort, an der engsten Stelle des Jestetter Zipfels, wurde die Barriere für die Sperrung des Gebietes eingerichtet.

Die evakuierte Bevölkerung kam in Dörfern des südlichen Schwarzwaldes unter. Zurück blieben Bürgermeister, Gemeindearbeiter, Ordensschwestern und 1 Person je 500 Einwohner. Schweizer Staatsbürger, die im Jestetter Zipfel lebten, durften auch bleiben, hatten an ihrem Haus aber deutlich das Schweizer Kreuz anzubringen. Dieser Personenkreis hatte die Bewirtschaftung der Felder und des zurückgelassenen Viehs zu gewährleisten. Doch schon bei der bald anstehenden Heuernte zeigte sich, dass diese Anzahl an Arbeitskräften bei Weitem nicht reichte. Hilfe kam aus der Schweiz. Einigen Jestettern wurde auch die Rückkehr für die Zeit der Heuernte gewährt.
Ab dem 17. Juli erlaubte die französische Besatzungsmacht schrittweise die Rückkehr der evakuierten Familien, welche sich bis in den September/Oktober hinein zog.
In den Erzählungen der Betroffenen und den Schweizer Zeitungen wurde viel über die Gründe für diese Evakuierungsmaßnahme diskutiert und die verschiedensten Versionen verbreitet: von „Strafmaßnahme“ über „militärisch notwendig aufgrund des schwierigen Grenzverlaufs“ bis hin zu einer vermuteten „Abrundung des Schweizer Kantonsgebietes durch den Anschluss des Jestetter Zipfel“.
Die Akten des französischen Armeearchivs bezeichnen den Vorgang als rein militärische Maßnahme. Die von den Alliierten beschlossene Einrichtung eines 5km breiten Sperrkorridors entlang der gesamten deutsch-schweizer Grenze war im Abschnitt des Jestetter Zipfels aufgrund dessen komplizierten Grenzverlaufs nicht realisierbar. (Dieser war aber zur Erschwerung der Flucht von Kriegsverbrechern notwendig). Durch die Evakuierung und Einrichtung der Barriere in Höhe von Baltersweil konnte die zu überwachende Grenze von 75km auf 8km reduziert werden.
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1 Verwendete Literatur:
Jahnke, Karl-Hellmuth: Besetzung und Evakuierung des Jestetter Zipfels.
In: Jahnke, Karl-Hellmuth, Danner, Erich (Hrsg.): Das Jestetter Dorfbuch. Altenburg und Jestetten in Geschichte und Gegenwart. Lindenberg
12001, S.291-295.