Die Sage von „Roswitha von Mellen“
Jagomir, der Wendencrole, warb um Roswitha von Mellen. Diese
aber hatte ihre Liebe einem Christen zugewandt und achtete weder
auf Jagomirs Werben noch auf ihren eigenen Vaters Zureden. Da
schwor Jagomir am Opferstein bei den Göttern seiner Väter, er wolle
das Blut des Christen eben hier den Göttern zum Opfer bringen,
wolle überhaupt die Christen vertreiben und dem Wendenvolke die
alten glücklichen Zeiten wieder herbeiführen, alsdann mit Roswitha
vereint.
Den ersten Teil seines Schwures führte er aus. Der Christ,
bei einer Zusammenkunft mit Roswitha innerhalb des Steingeheges
überrascht, verblutete unter seines Schwertes Schlägen am
Opferstein. Doch weiteres gelang ihm nicht. Roswitha mied ihn nun
erst recht. Sie saß, ohne Speise zu sich zu nehmen, Tag und Nacht
am Steine, bis der Tod sie erlöste.
Das Volk ringsrum aber verabscheute ihn ob des feigen Mordes.
Niemand beachtete seinen Ruf, den schon wankenden Dienst der alten
Götter zu erneuern. Vielmehr viele waren ergrimmt, dass die
Deutschen, die bereits Oberherren im Lande waren, um seiner Untat
willen den Wenden Mißtrauen zeigten und sie übel behandelten.
Friedlos floh Jagomir und ist in weiter Ferne ruhmlos
umgekommen.
Roswitha aber ist in hellen Mondnächten noch heutigen Tages
am Blutstein zu sehen, wie sie die Hände ringt und weint über das
freventlich ihr und den ihrigen zerstörte Lebensglück.
Quelle:
Neue Sagen aus der Mark Brandenburg, Seite 26.
Ein Beitrag zum Deutschen Sagenschatz von E. Handtmann,
verfasst in Seedorf bei Lenzen a. Elbe zur Zeit der
Sommersonnenwende 1883