Viele der älteren Cacher unter uns haben sie sicher schon vergessen, den jüngeren ist sie gänzlich unbekannt: Die "Elektrische", Marburgs Straßenbahn, welche vor 100 Jahren ihren Dienst aufnahm und bis 1951 auf den Schienen ihrer Vorgängerin, der Pferdebahn, vom Bahnhof zum Wilhelmsplatz fuhr.
Genau diese Pferdebahn ist ein schöner Aufhänger für ein Stück Marburger Stadtgeschichte:
1850 eröffnete der Marburger Hauptbahnhof im Norden, weit außerhalb der Stadttore, auf der anderen Lahnseite. Zuweilen ein weiter Weg wenn man auch noch Gepäck tragen musste. Wer es sich leisten konnte fuhr ab 1878 mit der Pferdedroschke, einem Taxidienst den der örtliche Fuhrunternehmer Schaaf einrichtete. Für die meisten Marburger war dies mit einem Preis von 1,50 Mark je Fahrt allerdings zu teuer. Der Stundenlohn eines Bauarbeiters lag bei 30 Pfennigen.
Rund 15 Jahre später bot sich eine günstigere Möglichkeit. Der Fuhrunternehmer Eduard Heppe richtete eine Pferdeomnibuslinie ein. Ein rot lackierter Wagen mit der Aufschrift "Durch die Stadt von und nach dem Bahnhof" fuhr fortan 10 mal am Tag zu einem Preis von 20 Pfennigen. Zunächst nur bis zur Kasernenstraße (heute Gutenbergstraße) und nach dem Bau der Universitätsstraße bis zum Wilhelmsplatz.
Die Fahrt mit dem Pfedeomnibus über das durch die ewigen Straßenaufbrüche holperig gewordene Pflaster gehörte jedoch nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens.
1903, nach unzähligen Bürger- und Stadtverordnetenversammlungen, bekam Marburg endlich eine schienengeführte Pferdebahnverbindung, welche am 01. Oktober ebenfalls von Heppe in Betrieb genommen wurde. Es handelte sich um eine von der Stadt finanzierte Schmalspurbahn von 1.000 mm Breite auf der Strecke vom Bahnhof durch die Elisabethstraße, Pilgrimstein, Rudolphsplatz und Universitätsstraße zum Wilhelmsplatz. Auf der eingleisigen Strecke konnten die Wagen an der Elisabethkirche, der Schlachthofbrücke und den Stadtsälen (Museum) einander ausweichen.
Pferdebahn in der Bahnhofstraße um 1910
Bildarchiv Foto Marburg www.fotomarburg.de
Die Stadt hatte zwei Wagenremisen angelegt. Von der Bahnhofstraße aus führte ein gesondertes Gleis mit 650 m Länge über die Rosenstraße und Furthstraße zu einer dieser beiden Remisen. In dem Schuppen wurde der letzte Wagen am Abend eingefahren und auch die Stallungen für die Pferde befanden sich an dieser Stelle. Die zweite Remise, in der ausschließlich Pferdewagen über Nacht eingestellt wurden, befand sich am Wilhelmsplatz. Von dort aus führte nach einer scharfen Kurve auch eine Stichlinie über Barfüßertor und Barfüßerstraße bis zum Heumarkt. Diese Stichlinie wurde jedoch schon ein halbes Jahr nach der Jungfernfahrt mangels Fahrgästen wieder eingestellt.
Die Fahrten mit der Pferdebahn waren billig, die Taktung gut, ab 1908 gab es bereits einen 20-Minuten-Verkehr. Dennoch häuften sich die Beschwerden. Des öfteren soll abends der letzte Wagen noch vor Eintreffen des letzten Zuges am Hauptbahnhof abgefahren sein und auch das Benehmen der Kondukteure ließ zu wünschen übrig, rauchten, sangen oder pfiffen sie während der Fahrt oder ließen gar die Wagen unbeaufsichtigt um sich in einer Wirtschaft aufzuhalten. Auch der Unternehmer beschwerte sich, denn beim Betrieb der Bahn, bei der alle drei Stunden die Pferde gewechselt werden mussten, kam er nicht auf seine Kosten. Der Ruf der Bürgerschaft nach einer elektrischen Straßenbahn wurde immer lauter.
Am 8. Oktober 1911 fuhr die Pferdebahn zum letzten mal. Die Wagen wurden meistbietend verkauft und nachdem die Räder abmontiert waren sah man sie hier und da als Garten- oder Bienenhäuschen.
Die letzten verbliebenen Schienen vor der ehemaligen Remise am Wilhelmsplatz stehen unter Denkmalschutz.
Blick vom Rudolphsplatz auf die Mühltreppe, darüber das Cafè Vetter um 1903; vorne die Schienen der Pferdebahn
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