An der Lavaterstrasse stand einst das Haus "zum Venedigli". Das Gebäude mit dem charakteristischem Treppengiebeldach verdankte seinen Namen "Venedigli" der Tatsache, dass es ursprünglich von einem später trockengelegten Weiher umgeben war, wie auch seiner Funktion als Unterkunft für venezianische Abgesandte. Die Liegenschaft befand sich etwa an der heutigen Stelle wo die Seestrasse mit der General-Wille-Strasse aufeinander treffen. Ein Kanal verband die Liegenschaft mit dem damals näher gelegenen Zürichsee und konnte somit mit dem Boot erreicht werden. Das Anwesen ist auf der historischen Stadtkarte von 1793 gut zu erkennen (siehe cache GC2WW7M):
Ab 1743 war es das "Clubhaus" einer Gesellschaft von 14 jungen Zürcher Kaufleuten aus gutem Hause, die sich zur Erinnerung an ihre Ausbildungszeit in Oberitalien, vor allem in Venedig, "Società di San Marco" nannte. Bei ihren all vierzehntäglichen Treffen trugen die Mitglieder stets einen schwarzen venezianischen Mantel sowie Degen oder Dolch und hielten sich an venezianischen Sitten und Bräuche. Das Venedigli, in der damals noch eigenständigen Gemeinde Enge, war Zufluchtsort vor dem grauen Stadtleben welches 2 Jahrhunderte nach der Reformation Zwinglis noch immer etwas lustlos und stark puritanisch geprägt war. Die Lagunenstadt verkörperte mit seinem Prunk, seine Festlichkeiten und den Karneval die Lebenslust von der im Zürich des 18. Jhdt. wenig zu spüren war. Neue Mitglieder wurden keine aufgenommen. Folglich löste sich diese Vereinigung mit dem Ableben des letzten Mitgliedes im Jahre 1772 von alleine auf.
Später kaufte der Hotelier Johannes Baur (Gründer des „Baur au Lac“) das Haus und quartierte dort zu Anfang der 1860er Jahre die Familie des vertriebenen Königs von Neapel ein. Sogar Kaiserin Sissi war einmal zu Gast, um ihre Schwester Sophie zu besuchen, die im Venedigli ein Kind geboren hatte. Später erwarb die Schweizerische Nordost-Bahn die Liegenschaft und richtete dort Büros für ihre Statistiker ein. Bei der Verstaatlichung der Bahn ging das Gebäude an die SBB über.
Das Haus wurde im Jahre 1925 abgerissen. Die daran vorbeiführende Venedigstrasse existierte noch bis 1971 - bis zum Bau des Einkaufszentrums "Engi-Märt". Die Hausbewohner an der Venedigstrasse wehrten sich vehement gegen das Vorhaben und weigerten sich die Häuser zu verlassen. Hausbesetzungen führten dazu, dass die Abbrucharbeiten unterbrochen werden mussten. Trotz breiten Protesten wurden die Häuser aber am 14. April 1971 geräumt und abgerissen. Ziemlich genau an der Stelle der ehemaligen Venedigstrasse finden wir heute das Restaurant "San Marco" mit einem in Stein gemeisselten Löwen, dem venezianische Wappentier, sowie einem authentische venezianischen Brunnen, einem Geschenk der Stadt Venedig.