Neuester Aushang: In den letzten Monaten ist die Zahl der vermissten Personen dramatisch angestiegen. Die jüngste Veröffentlichung der herzoglichen Gendameriebehörde berichtet von einem weiteren tragischen Fall. Es handelt sich um ein neunzehnjähriges Bäckermädchen, das zuletzt am Vortage gesehen wurde. Die Gendamerie sowie der Vater des Mädchens schließen die Möglichkeit nicht aus, daß es sich hier um ein Verbrechen handelt.
„Lisa ist verschwunden! Sie sollte in einem Hildburghäuser Nachbardorf Semmeln ausliefern, doch dort kam sie nie an!“ So eilte die Nachricht von Mund zu Mund über die Märkte und durch die Gassen der Stadt.
Der Vater des Mädchens, seines Zeichens Bäcker in der Vorstadt, sagte bei der Gendameriewache aus, seine Tochter hätte schon seit Tagen sehr verändert gewirkt, so als wäre sie mit den Gedanken nicht bei ihrer Arbeit, dem Austragen von Backwaren, sondern weit, weit weg. Auch hätten immer mal wieder, so teilten ihm seine Kunden mit, bei den täglichen Lieferungen etliche Semmeln gefehlt. Er hätte sie zur Rede gestellt, ohne eine Antwort zu erhalten, selbst etliche Schläge hätten nichts aus ihr heraus gebracht. Allerdings konnte er manchmal, wenn das Mädchen sich alleine wähnte, ein paar Selbstgespräche seiner Tochter belauschen. Meist nur halblautes, wirres Gestammel, doch er sei sicher, dass mehrmals etwas von „Katze“ und „Wegzoll“ darin vorgekommen wäre.
Daraufhin hätte er ihr neue Prügel angedroht für den Fall, dass wieder etwas an einer Lieferung fehle. Am Morgen sei sie dann, wie jeden Tag, mit einem großen Korb Semmeln Richtung Nachbardorf aufgebrochen. Seitdem fehle von ihr jede Spur.
Nun ging schon seit vielen Jahren in Stadt und Land das Gerücht um, an der alten Landstraße, welche das Mädchen bei ihren Botengängen benutzt hatte, sei es nicht geheuer. Besonders an der einen Stelle nahe der Werra, wo die Straße sich durch eine tiefe, finstere Hohle zieht und der von Norden kommende Einbach in den Fluss mündet – ja, genau dort würden dunkle Mächte ihr Unwesen treiben. Die Rede war sowohl von nach Beute gierenden Räubern, die in verborgenen Höhlen hausen sollten sowie auch von glutäugigen wilden Katzen, welche die tiefen Schluchten des kleinen Wäldchens an der Einbachmündung bevölkerten.
Ist das Bäckermädchen etwa ein Opfer dieser mysteriösen Katzen geworden? Oder wurde sie von Räubern entführt?