Petrophaga lorioti
Die Steinlaus (oder „Petrophaga lorioti“) rückte erstmals in das Lichte der Öffentlichkeit, als die ARD sie 1976 in einem populärwissenschaftlichen Fernsehbeitrag vorstellte. Die bisher völlig unbekannte Tiergattung wird als scheuer Nager beschrieben, der sich hauptsächlich von Silicaten, also von Steinen ernähre, gelegentlich werde aber auch ein Eisenträger nicht verschmäht. Das geschlechtsreife Männchen habe einen Tagesbedarf von 28 kg Beton und Ziegelsteinen, ein tragendes Weibchen könne bis zum doppelten dieser Menge verzehren. Die Steinläuse sind 0,3 bis 3 mm groß, also mit bloßem Auge kaum sichtbar, weswegen ihre bloße Existenz lange Zeit bezweifelt wurde. Die possierlichen Tierchen galten als sehr selten und waren lange Zeit vom Aussterben bedroht. Bei umfangreichen Forschungsarbeiten, die ebenfalls in dem Fernsehbeitrag dargestellt wurden, konnten bei Grabungen in 20 Metern Tiefe einige Exemplare entdeckt und in zoologische Gärten verbracht werden.
1983 nahm das bekannte medizinische Nachschlagewerk Pschyrembel einen kurzen Artikel über die Steinlaus auf (256. Auflage). Darin werden im Wesentlichen die im Fernsehbeitrag genannten Erkenntnisse bestätigt. Darüber hinaus informiert das Lexikon über wissenschaftliche Forschungen, die offenbar den Wert der Steinlaus bei der Therapie von Gallen-, Blasen- und Nierensteinen erkannt haben.
In der nachfolgenden Auflage des Pschyrembel fand die Steinlaus keine Beachtung mehr. Dies kann der Tatsache zugeschrieben werden, dass es nach 1989 keine Steinlaus-Beobachtungen mehr gegeben hat. Man ging davon aus, dass die Steinläuse, die als ursächlich für den Fall der Berliner Mauer zu werten sind, sich bei diesem Ereignis ihre eigene Existenzgrundlage entzogen haben.
Die Tierart galt endgültig als ausgestorben, die Erwähnung in einem medizinischen Nachschlagewerk war deshalb nicht mehr gerechtfertigt. Die These, wonach der Fall der Berliner Mauer als Grund für das Aussterben der Steinlaus genannt wird, wurde allerdings von Altertumsforschern stark bezweifelt. Als Argument wurde von dieser Seite angeführt, dass die Steinläuse nachweislich schon zum Zerfall der Langen Mauer, die die Athener im Peloponnesischen Krieg zum Schutz vor spartanischen Angriffen errichtet hatten, maßgeblich beigetragen haben. Somit erscheint es als unwahrscheinlich, dass solche Ereignisse diese Tierart ernsthaft bedrohen können. Unterstützt wurde diese Ansicht durch Funde, die sich 1997 bei Bauarbeiten an einem bayrischen Krankenhaus (Frankenwaldklinik, Kronach) ergaben, die auf eine weiterhin existierende Population des Nagers hindeuten. Der Pschyrembel nahm deshalb die Steinlaus zu Recht in die 258. Auflage wieder auf und der Artikel wird seit dem in jeder aktuellen Auflage um die neuesten Erkenntnisse erweitert.
Leider Fand die Steinlaus in der Politik bis heute kaum Beachtung. Einzig der SPD-Politiker und MdB Jakob M. Mierscheid hat mit seinem Beitrag zum 3. Hoechster Steinlaus-Symposium Interesse für die Entwicklungen in der Steinlaus-Forschung gezeigt. („ Ökologische Kenndaten zum FCKW-Ersatzstoff R 134a“, 3. Hoechster Steinlaus-Symposium, Bd. XII (3):275-331, Frankfurt/M., 1993). Der für einen Politiker als ungewöhnlich medien- und kamerascheu geltende Mierscheid wurde in Zusammenhang mit diesem Artikel zu einem Gastkommentar eingeladen, der freundlich aber bestimmt mit dem Hinweis abgelehnt wurde, auf derartige Angebote nur äußerst selten einzugehen.
Der nun aktuelle Stand der Steinlaus-Forschung zeigt vielversprechende Möglichkeiten in der Homöopathie, insbesondere scheint der durch Steinläuse verursachte Staub beim Menschen für die Ausschüttung von Endorphinen verantwortlich zu sein. Des Weiteren können Unterarten der Steinlaus bei Autoabgasfiltern zum Einsatz gebracht werden, um die Norm für die 2007 eingeführte Feinstaubplakette zu erfüllen. Erfreulich ist, dass die Steinlaus 2002 von der Liste der bedrohten Tierarten gestrichen werden konnte. Mit der Deutschen Bibliotheksstatistik gelang es, die Steinläuse in den wissenschaftlichen Bibliotheken der Bundesrepublik für das Jahr 2002 zu erheben. In dem geschützten Refugium einer Bibliothek konnte die Steinlaus erfolgreich überleben und sich offensichtlich hervorragend vermehren. Für das Jahr 2002 wurde die Zahl der Steinläuse auf erstaunliche 113,3 Milliarden geschätzt. Die These, dass nach dem Mauerfall 1989 die Steinlaus ausgestorben sei, kann damit endgültig als erfolgreich widerlegt betrachtet werden. In der Sortierzentrale des Hochschulbibliothekszentrums des Landes Nordrhein-Westfalen fotografierte Exemplare lassen die Vermutung zu, dass die Steinlaus eine Unterart (Petrophaga lorioti bibliotheca) hervorgebracht hat, die sich nicht mehr (ausschließlich) von Silicaten ernährt.