Aus: Willi Belz "Die Standhaften - Über den Widerstand in Kassel und Hessen-Waldeck 1933-1945":
"Der ständige Terrorfeldzug der Nazis gegen die antifaschistisch gesinnte Bevölkerung Kassels und Nordhessens, insbesondere gegen die Organisation der Arbeiterschaft, hatte den Geist des Kampfes für eine Änderung der Lage nicht brechen können. Davon konnten sich die Kasseler Nazigrössen immer wieder überzeugen. So auch anlässlich einer Nazi-Kundgebung Mitte Juni 1933 in der Stadthalle, auf der Gauleiter Weinrich den Nazianhängern und der Bevölkerung einige einschneidende soziale Notverordnungsmassnahmen der Hitler-Regierung schmackhaft machen sollte. Darüber herrschte erhebliche Unruhe bis über die Kreise der Arbeiterschaft hinaus. Hitler hatte ja lauthals versprochen, mit der Notverordnungspolitik aus der Weimarer Zeit ein radikales Ende zu machen und Gesetze im Geiste einer wahren „deutschen Volksgemeinschaft“ an ihre Stelle zu setzen.
Von Mund zu Mund wurde die von den illegalen Widerstandskräften ausgegeben Parole, die Kundgebung zu sprengen, weitergetragen. Am Tag der Kundgebung sah es so aus, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer aus Kommunisten, Sozialdemokraten, Reichsbannerleuten, Gewerkschaftern, Mitgliedern der Arbeiter-Jugendverbände und Arbeitersportlern bestand. Viele kannten sich und zwinkerten sich beim Reingehen in die Stadthalle verständigend zu. Besondere Trupps besetzten gut verteilt die Sitzblöcke im Saal und auf der Galerie. Hunderte standen an den Seiten. Die getreuen Nazianhänger waren überall eingekeilt und das SA-Saalschutz verlor schon jetzt jede Übersicht über die Lage.
Die führenden Nazibonzen waren nervös, denn obwohl die Bezirksleitung der KPD in die Hände der Polizei gefallen war, klebten im ganzen Stadtgebiet Zettel und es waren auch Flugblätter verteilt worden, worin dazu aufgefordert wurde, den Nazis eine Abfuhr zu erteilen. Hauptakteur bei dieser Aktion war der Kommunistische Jugendverband, der seit Monaten ein gut funktionierendes Fünfergruppensystem seiner Organisation aufgebaut hatte und unverzüglich nach der Verhaftung der KPD-Bezirksleitung die entstandene Lücke ausfüllte.
Kaum hatte Gauleiter Weinrich einige Sätze seiner Rede gesagt, als von allen Ecken des Saales und der Galerie herunter Zwischenrufe sein Weitersprechen behinderten. Als die Rollkommandos vom Saalschutz gegen die Zwischenrufer in den Sitzreihen vorgehen wollten, brach ein Tumult aus, der die SA-Leute zum Rückzug zwang. Ein Teil von ihnen schien selbst wegen der Unzufriedenheit mit den Notverordnungsmassnahmen verunsichert zu sein. Die Mehrheit im Saal und auf der Galerie stimmte das Arbeiterlied „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ an und drängte anschliessend den Ausgängen zu. Die Nazis kamen nicht dazu Festnahmen vorzunehmen oder Verstärkungen heranzurufen. Über die gelungene Demonstration herrschte grosse Freude und Genugtuung. Mancher schöpfte neuen Mut, sich der illegalen Widerstandsarbeit anzuschliessen. Die schmähliche Niederlage der Kasseler Naziführung sprach sich mit Windeseile in ganz Nordhessen herum."