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... eine chronografische Zusammenfassung historischer Ereignisse!

Im heutigen Stadtteil Raderberg im Süden von Köln befand sich südlich des Severinstors an der Ausgangsstraße in Richtung Bonn der alte Friedhof der Kölner jüdischen Gemeinde. Der Name "Judenbüchel" geht wohl auf das althochdeutsche "Buhil" bzw. das mittelhochdeutsche "Bühel" für "Hügel" zurück. Der Begräbnisplatz wurde vor Ort auch "Am Toten Juden" bzw. "Dude Jüd" genannt.
Aufgrund seiner Lage und Größe wurde das Gelände im Mittelalter auch für größere Veranstaltungen wie Hochzeiten und Turniere sowie als Hinrichtungsstätte genutzt. Ferner wird hier 1463 auch ein Siechenhaus erwähnt, ein spezielles Quarantänehaus für Leprakranke.
Eine "nicht ganz kleine" jüdische Gemeinde in Köln ist bereits für die Kostantinische Zeit im Jahr 312 belegt. Synagoge und Mikwe (Ritualbad) der "bedeutendsten Gemeinde des Reiches nördlich von Mainz" datieren auf das 8. bzw. 9. Jahrhundert (HBHistSt NRW). Das jüdische Viertel lag nahe dem Rathaus (zeitgenössisch "inter Judeos", heutige Judengasse). Im Jahr 1096 erfolgte eine Plünderung des Judenviertels durch Kreuzfahrer, wobei auch die Synagoge zerstört wurde.
Hingegen ist weder der Zeitraum seiner Entstehung noch die genaue Ausdehnung des mittelalterlichen Friedhofs der Kölner Juden verlässlich belegt. Eine erste schriftliche Quelle belegt den neben einer Hofanlage gelegenen Platz für die Mitte des 12. Jahrhunderts, für dessen Nutzung ein jährlicher Pachtzins an das Kölner Severinstift fällig wurde. Weitere Urkunden nennen eine Erweiterung im Jahr 1174 sowie eine Versicherung Erzbischof Engelberts II. von 1266, der den Juden "gerechte Behandlung und die ungestörte Benutzung ihres Friedhofes" zusagte.
Im Zuge der Judenverfolgungen infolge der Pest von 1348/49, für die auch in Köln die Juden mit dem Vorwurf der Brunnenvergiftung verantwortlich gemacht wurden, kam es zu zahlreichen Pogromen. Diese gipfelten in der so genannten "Kölner Bartholomäusnacht" vom 23./24. August 1349, als das Judenviertel erneut gestürmt und dabei verwüstet und geplündert wurde, zahlreiche Juden wurden ermordet. Auch der Judenbüchel wurde geschändet und dortige Grabsteine als Baumaterial weiter verwendet – solche finden sich zweckentfremdet auf Burg Lechenich, auf Burg Hülchrath sowie im Hansa-Saal des Kölner historischen Rathauses vermauert.
Erst zwanzig Jahre nach der Pogromwelle von 1349 kamen Juden nach Köln zurück. Der neuen jüdischen Gemeinde wurde der Friedhof 1372 erneut übergeben. Nach der endgültigen Ausweisung "up ewige tzyden" ("auf alle Zeiten") aus Köln 1424 siedelten viele Juden in den rechtsrheinischen Raum um – unter anderem nach Deutz, wo allerdings erst Ende des 17. Jahrhunderts eine eigene Begräbnisstätte entstand. Trotzdem wurde der Judenbüchel weiterhin belegt, bevor er 1474 bei der Belagerung Kölns durch Karl von Burgund zerstört wurde.
"Nach 1700 scheint der Friedhof in Vergessenheit geraten zu sein."
Erst bei Bauarbeiten am Güterbahnhof im Jahr 1922 wurde der Friedhof wiederentdeckt und freigelegt, wobei auch einige Umbettungen erfolgten. Hierbei wurden auch Skelette von Hingerichteten gefunden, was darauf schließen lässt, dass der Judenbüchel vor 1266 und dann wieder nach 1474 – nun durch das Gericht der Stadt Brühl – als öffentliche Hinrichtungsstätte genutzt wurde.
Infolge von mehreren, bereits vor der NS-Zeit beginnenden Friedhofsschändungen in den Jahren 1928-1934 wurde 1936 die endgültige Auflassung des Begräbnisplatzes beschlossen. Zahlreiche Grabstätten samt Gebeinen und Grabsteinen wurden auf den jüdischen Friedhof in Bocklemünd umgebettet. Im gleichen Jahr begann auf dem Gelände des Judenbüchels der Bau der Kölner Großmarkthalle, an dessen Haupttor sich heute eine Gedenktafel an den ehemaligen jüdischen Friedhof befindet.
Außer einem Hinweisschild des Kulturpfades Rodenkirchen der Stadt Köln gibt es keine Hinweise auf die ehemalige Nutzung des Geländes. Man kann den Großmarkt zwar besuchen, aber aufgrund seines Alters und des bevorstehenden Abrisses (geplant für 2020) ist das gesamte Gelände in keinem einladenden Zustand.

Quellenangaben für Texte und Bilder:
(www.wikipedia.org)
(www.uni-heidelberg.de)
(Franz-Josef Knöchel, LVR-Redaktion KuLaDig, 2012)
(Pascal Dornes, Geographisches Institut der Universität zu Köln, 2013)
Bilder:
oben links:
Ausschnitt aus einem Stich von Friedrich W. Delkeskamp (1794-1872) mit dem jüdischen Friedhof Judenbüchel.
oben rechts:
Ausschnitt der Tranchot Karte mit dem judischen Friedhof.
unten links:
Köln, Grabstein der Rachel 1323 (Zeughaus) Bei Grabungen im Kölner Rathausbezirk wurden 1953 zwei vollständig erhaltene Grabsteine an der Nordwestecke des Rathauses in einem großen Bombentrichter gefunden. Wahrscheinlich stammen sie vom jüdischen Friedhof vor dem Severinstor und wurden als Baumaterial missbraucht. Inschrift: "Es starb Frau Rachel, Tochter des R. Schneior, am Dienstag, den 16. Elul des Jahres 83 des 6. Jahrtausends. Ihre Seele sei geknüpft in den Bund des ewigen Lebens. Amen. Sela."
unten rechts:
Köln 1266, Erzbischof Engelbert II. gibt den Juden das Privileg zur ungehinderten Bestattung ihrer Toten vor der südlichen Stadtmauer (Judenbüchel)
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