Zur Sage vom Seeloch von Gernrode:
Nordöstlich des Dorfes Gernrode befindet sich in einer tiefliegenden Wiese das Seeloch. Nach dem Volksmund ist es ein Überbleibsel eines tiefen Sees, der sich ehemals hier befunden haben soll, und sich weithin ausdehnte. Auf dem See sollen sogar Binnenschiffe gefahren sein.
In Gernrode war eine Landungsstelle, und alle Waren, die von hier ins Land gingen, mussten dort verzollt werden. Dadurch gelangte das Dorf zu bedeutendem Wohlstand. Insbesondere gab es im Dorf etliche reiche Schiffsherren. Der reichste von ihnen war sehr geizig und ständig darauf bedacht, sein großes Vermögen noch zu vermehren.
Es kam ein Jahr, in dem die Ernte schlecht geraten war, und viele Leute litten Hunger. Der besagte Schiffsherr aber benutze die Gelegenheit, sich noch mehr zu bereichern. Er kaufte auswärts große Mengen Getreide auf und kam mit einer ganzen Schiffsladung voll Frucht über den See nach Gernrode gefahren. Nun kamen die Leute ins Haus, um Korn zu kaufen. Für den Scheffel forderte er vier Taler. Eines Tages kam ein armer Holzhauer zu ihm und legte drei Taler und sieben Pfennige auf den Tisch. Dabei sprach er zu dem Schiffsherren: „Mehr kann ich nicht zahlen; das ist mein letztes Geld. Überlasst mir dafür um Gottes Willen einen Scheffel Korn.“ Doch der Schiffsherr entgegnete: „Unter vier Talern wird nichts abgegeben.“
Der Holzhauer bat und flehte, aber Herr Johannes Achimus – so wurde der Schiffsherr allgemein genannt – ließ sich nicht erweichen. Im Fortgehen fluchte der Ärmste dem habsüchtigen Mann. Dann fasst er den Plan, dessen Schiff zu vernichten. Um Mitternacht ging er an den See, doch das Schiff war nicht mehr da. Am anderen Morgen ging im Ort Gerede, das Schiff des Herrn Johannes Achimus sei untergegangen. Dieser ließ in den nächsten Tagen Nachforschungen im See anstellen; jedoch das Schiff war und blieb verschwunden und der Besitzer konnte sich nicht erklären, wo es geblieben war.
Nach Jahren kamen drei Handwerksburschen es Weges. Da sahen sie unweit des Seeufers einen Riesenfisch. Sie sprangen ins Wasser, packten ihn und brachten ihn an Land. Als sie das Tier ausweideten, fanden sie in seinem Inneren ein langes viereckiges Schild aus Messing. Drauf stand der Name: Johannes Achimus Bley. Man brachte es seinem Eigentümer. Da rief dieser: „Nun weiß ich, dass das Schiff untergegangen ist; denn dieses Schild habe ich dem Kapitän mitgegeben, bevor der die letzte Fahrt auf dem Schiff antrat.“
Von diesem Tage an war Johannes Achimus wie umgewandelt. Er ließ den Holzhauer zu sich kommen, bat ihn um Verzeihung wegen seiner früheren Hertherzigkeit und versah ihn reichlich mit Korn. Auch anderen Armen ab er von seinem Reichtum und fand nunmehr ein größeres Glück im Wohltun, als er vorher im Zusammenhäufen der Schätze gefunden hätte.
(Quelle: Der Hahn auf dem Kirchturm von Rudolf Linge)