Bäckerei Engel, Halbmondgasse 12
Es ist Dezember. Die Zeit für Stutenkerle! Die schönsten Stutenkerle in unserer Stadt gibt es in der Bäckerei Engel in der Halbmondgasse 12. Gustav Engel backt seit vier Jahrzehnten alle Jahre wieder höchstpersönlich. Aus hellem, süßem Hefeteig, wie sich das gehört. Heute Morgen stellt seine Frau Thea vier Dutzend frisch gebackene Hefeteigmänner in das weihnachtlich dekorierte Schaufenster. Einer ist schöner als der andere!
„Viel zu Schade zum aufessen“, murmelt Thea Engel. „Mein Gustav ist wirklich ein Meisterbäcker!“
„Stimmt genau“, murmelt der Stutenkerl, den sie gerade in der Hand hält.
„Bis auf...“
„Bis auf was?“, fragt Thea verdutzt
„Ich will eine Frau“, flüstert der Stutenkerl sehnsüchtig. „Warum backt er immer nur Männer?“
Thea Engel schaut den Stutenkerl lange an. Sehr lange! Ohne ein Wort zu sagen. Seit vierzig Jahren ist Thea nun mit ihrem Gustav verheiratet. Vierzig Jahre lang hat sie jedes Jahr im Dezember täglich neue Stutenkerle im Schaufenster aufgereiht und verkauft. Viele, viele Stutenkerle sind durch ihre Hände gegangen. Gesprochen hat niemals einer von ihnen. Schön waren sie alle, wunderschön, aber stumm!
Und nun sagt dieser Kerl in ihrer Hand, er will eine Frau.... Recht hat er, denkt Thea Engel, verflixt nochmal, er hat Recht! Warum backt Gustav eigentlich nur Männer? Sie trägt den Stutenkerl zusammen mit einer Kaffeetasse voll mit heißem Kaffee nach hinten in die Backstube.
Gustav Engel steht zwischen den Körben voller Brote und dampfender Brötchen. Er rollt den letzten Quadratmeter Teig aus. Für Wiener Weihnachtsherzen. Wenn sie fertig sind, wird er schlafen gehen. Seit Mitternacht ist er auf den Beinen. Jetzt ist es sieben Uhr, in einer Viertelstunde beginnt vorne im Laden der Verkauf. Dafür ist Thea zuständig. Gustav taucht erst spätnachmittags wieder auf.
„Was gibt’s?“, fragt er nun, weil seine Frau mit einem Stutenkerl dasteht und ihn so merkwürdig ansieht.
„Nichts“, antwortet Thea Engel, „nichts Besonderes- nur der hier...“ Sie hält ihrem Mann den Stutenkerl unter die Nase. „Der spricht!“
Bäcker Engel guckt sie missmutig an. „Quatsch“, brummt er, „noch nie ….“
„Ich weiß“, sagt Thea schnell, „aber er spricht wirklich!“
Gustav Engel schüttelt den Kopf. Er ist müde. Morgens zwischen sieben und acht soll man ihn gefälligst in Ruhe lassen!
„Er will eine Frau“, sagt Thea Engel vorsichtig. „Ich versteh´das !“
„Quatsch“, brummt ihr Mann. „Ich fang doch nach vierzig Backjahren nicht mit Hefeteigfrauen an. So ´n Quatsch!“
„Ist schon gut“, sagt Thea. „Du hast ja Recht. In deinem Alter kann man nichts Neues mehr ausprobieren. Dafür sind die Jüngeren da!“ Sie dreht sich um und geht in den Laden zurück. Mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.
„Du hast nichts erreicht“, flüstert der Stutenkerl. „Du hättest es klüger anstellen müssen.“ Er verzieht seine Zuckerguss-Mundwinkel nach unten und quengelt: „Ich will eine Frau, ich will eine Frau, ich will eine Frau!“
„Pssscht!“, sagt Thea Engel. „Pssscht! Hab Geduld. Du kriegst eine Frau!“
Sie lehnt den schmollenden Stutenkerl an eine Packung Paniermehl im Regal hinter der Theke.
Die ersten Kunden kommen. Thea hat keine Zeit mehr. In der ersten Stunde ist immer viel zu tun. Außer den üblichen Mengen von Brot und normale Brötchen verkauft sie heute früh schon DREI Stutenkerle. So ganz nebenbei. Jedes Mal, wenn sie einen aus dem Schaufenster holt, geistern ihr die gleichen Gedanken durch den Kopf. Alle sind stumm, so stumm, wie solche Kerle nun einmal sind. Wieso spricht einer von ihnen?
Als der Laden endlich einmal leer ist, fragt sie den noch immer schmollenden Stutenkerl: „Wieso redest du überhaupt?
„Weil ich eine Frau will“, sagt er.
Thea Engel seufzt. Das ist doch keine Antwort auf ihre Frage! „Und die anderen? Deine Kollegen- wieso sprechen sie nicht?“
Nun seufzt der Stutenkerl. „Weil sie keine Frau wollen.“
„Ja und?“ Thea stützt die Hände auf ihre Hüften. „Wieso wollen sie keine Frau?“
„Vielleicht wollen sie auch eine“, sagt der Stutenkerl schnippisch, „ aber sie reden ja nicht!“
Thea Engel gibt es auf. Dieser eine Stutenkerl redet. Die anderen reden eben nicht. „Hast du einen Namen?“, fragt sie, um das Gespräch zu beenden.
„Laurentius“, sagt der Stutenkerl. „Wann kriege ich meine Laurentia?“
„Sehr bald“, sagt Thea. „Hab noch ein bisschen Geduld.“ Sie ist sich ganz sicher ; Gustav hat bestimmt schon längst eine Teigfrau in den Backofen geschoben.
„In deinem Alter kann man nichts Neues mehr ausprobieren“, hat sie gesagt und :“Dafür sind die Jüngeren da.“ So etwas lässt er nicht auf sich sitzen!
Thea schmunzelt und guckt auf die Uhr. Es ist fünf vor halb neun. Eigentlich müsste er jeden Moment auftauchen … Richtig! Da kommt er schon. Mit einem Kuchenblech in der Hand.
„Damit du Bescheid weißt“, brummt er, „ alt bin ich noch lange nicht! Hier, werde glücklich mit ihr.“
Auf dem Backblech liegt eine Stutenfrau, die so hübsch aussieht, dass Thea für einen Moment sprachlos ist, und ihr das WORT im Halse stecken bleibt. Sie wirft ihrem Mann einen zärtlichen Blick zu. Gustav ist nicht nur ein Meisterbäcker; er ist ein Künstler! Sogar einen Trägerrock und eine Bluse mit Kragen hat er geformt und mit Mandeln und Zuckerperlen verziert. Und über die Rosinenaugen hat er helle, freche Ponyfransen aus Zuckerguss gespritzt, darüber einen Zopf aus Hefeteig gelegt.
Thea lächelt verträumt. So ähnlich hat sie ihre Haare früher auch getragen.
Gustav legt sein Kunstwerk vorsichtig auf die Ladentheke. Mit einem Satz springt der Stutenkerl vom Regal. „Endlich!“, jauchzt er. „Laurentia! Komm, meine Liebe!“
„Donnerwetter“, sagt Bäcker Engel, „der Kerl spricht tatsächlich! Wieso spricht er? Wieso nennt er sie Laurentia?“
„Frag nicht so viel“, sagt Thea Engel . „Laurentius spricht eben. Guck mal, wie jung sie noch sind! Und wie verliebt! Ist das nicht schön?“
„So´n Quatsch“, brummt Gustav Engel. „Laurentius und Laurentia!“ Er schaut den beiden kopfschüttelnd nach.
Sie sind von der Theke gehüpft, eilen Hand in Hand auf die Ladentür zu, ohne zu zögern. Als wüssten sie genau, wohin sie gehen.
Thea Engel strahlt: Für Liebesgeschichten hatte sie schon immer viel übrig! Plötzlich ertönt eine entschlossene Stimme aus dem Schaufenster:“ Ich will auch eine Frau!“ , „ Ich auch!“
Alle Stutenkerle im Fenster beginnen zu schreien: „Ich auch!“, „Ich auch!“, Ich...“
Thea hält sich die Ohren zu.
„Das kommt davon, meine liebe Zuckerbäckerin“, sagt Bäcker Engel und schmunzelt. „Sieh zu, wie du mit ihnen fertig wirst. Ich geh jetzt schlafen!“
(Anne Steinwart)