Anlässlich der Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs wollen wir an dieses Kapitel unserer Stadt und den daran unmittelbar Beteiligten erinnern.
Zu Ostern 1945 endete in Gütersloh der Zweite Weltkrieg – Wochen früher als in manch anderer Stadt. Daran hatten unter anderem der damalige Bürgermeister Josef Bauer und der evangelische Pfarrer Paul Gronemeyer ihren Anteil. Sie erkannten die Aussichtslosigkeit, Gütersloh „bis zum letzten Mann zu verteidigen“.
Unvorstellbares Leid, unzählige Opfer, materielle Schäden: Der erste schwere Luftangriff vom 26. November 1944 und weitere Angriffe im Januar und Februar 1945 treffen Gütersloh erheblich. Noch gelingt es den Helfern, die Schäden größtenteils zu beseitigen. Am 14. März 1945 trifft Gütersloh dann der schwerste Angriff: Die Amerikaner werfen tausende Sprengbomben und zehntausende Brandbomben ab.
Gütersloh soll jedoch auf Befehl Adolf Hitlers – wie jede Stadt in Deutschland – „bis zur letzten Patrone und bis zum letzten Mann verteidigt werden“. Daher werden ab Mitte März 1945 Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren für den Volkssturm vereidigt. 250 Mann, vier Bataillone, eingeteilt in Kompanien und Züge, ausgestattet mit einigen wenigen Panzerfäusten und Jagdgewehren sollen Gütersloh verteidigen. Kampfkommandant wird der Kommandeur des sechsten Luftnachrichtenregiments Oberst Richard Kröhl. Die Forderung nach Panzersperren an den in Gütersloh einmündenden Hauptstraßen wird währenddessen immer dringender. Bürgermeister Josef Bauer schreibt in seinem Bericht, den er 1948 verfasst, dass jedoch nichts geschieht, obwohl in den Nachbarstädten fieberhaft gebaut wird. Der Bürgermeister widersetzt sich dem Gedanken – nicht aufgrund von mangelnder Vaterlandsliebe, sondern aus Vernunft und Sorge, wie er in einem Bericht schreibt. „Ich wollte der Stadt weitere Opfer an Gut und Blut um jeden Preis ersparen.“ Er vertritt die Meinung, dass Gütersloh – eine nach allen Seiten offene Stadt – im ebenen Gelände nicht zu verteidigen sei und man in einem Kampf mit der totalen Zerstörung rechnen müsse.
In der letzten Märzwoche werden die Nachrichten von der Front immer ernster, die Amerikaner dringen immer schneller vor. Gründonnerstag, 29. März 1945, finden sich der Kampfkommandant, Bataillonsfrüher des Volkssturms, Landrat, Kreisleiter und Ortsgruppenleiter der Partei zu einer Besprechung im Sitzungssaal des damaligen Rathauses am Berliner Platz ein. Der Protest des Bürgermeisters bleibt zunächst ohne Wirkung, Gütersloh wird verteidigt. Es werden ein äußerer und ein innerer Ring geplant. Am äußeren Ring sollen Schützengräben ausgehoben werden, während der innere Ring unbedingt verteidigt und gehalten werden soll. Unverzüglich nach der Besprechung empfiehlt Bürgermeister Josef Bauer allen Frauen und Kindern, die Innenstadt zu verlassen und an der äußeren Gemeindegrenze und in ländlichen Nachbargemeinden ein Notquartiert zu beziehen. Dem eigenmächtig veranlassten Aufruf folgen viele Bürger.
Gauleiter Dr. Alfred Meyer aus Münster fährt an Karfreitag an den aus Gütersloh ausziehenden Menschen vorbei und erkundigt sich erstaunt, wer den Befehl zur Räumung gegeben habe. Am nächsten Tag wird Josef Bauer der Vorwurf gemacht, die Bevölkerung unnötig gewarnt zu haben, da nicht damit gerechnet zu werden brauche, dass die feindlichen Truppen jemals Gütersloh erreichen würden. - Drei Tage später ist Gütersloh von den US-Truppen besetzt.
Kampflose Übergabe: Mit Fahrrad und Fahne Richtung Frieden
40 Menschen sterben an Karfreitag, dem 30. März 1945, in Gütersloh. Die Stadt wird sturmreif gebombt und mit Bordwaffen beschossen. „Fast den ganzen Tag waren feindliche Flugzeuge am Himmel über Gütersloh“, erinnert sich Zeitzeuge Rudolf Herrmann. Ohne Widerstand kann die US-Luftwaffe den Flugplatz bombardieren, etliche schwere Bomben auf den nördlichen Bereich der Kaiserstraße, den Nordring und die Kahlertstrasse in Höhe des Hofes Meier Nordhorn werfen. Ein Personenzug mit Flüchtlingen aus dem Ruhrgebiet wird im Güterbahnhof von Tieffliegern mit Bordwaffen beschossen. Viele Insassen sterben.
Bei einer Besprechung im Rathaussitzungssaal wird die Verteidigung der Stadt besprochen. Der Kampfkommandant gibt die Verteidigungslinien bekannt. Der äußere Verteidigungsring verläuft im Zuge des Nordrings, Carl-Miele-Straße, Ostring, Brunnenstraße, Südring und Westring. Für den inneren Verteidigungsring, welcher bis „zum Äußersten“ gehalten werden sollte, ist die Linie Bahnhof, Strengerstraße, Schulstraße, Schulhof, Hohenzollernstraße, Münsterstraße, Dalkestraße, Bahndamm und Bahnhof vorgesehen. Der äußere Verteidigungsring muss bis zum Abend des Karfreitags, 30. März 1945, besetzt werden. Gegen 18 Uhr ertönt Panzeralarm: Amerikanische Panzer dringen auf der „Reichsautobahn“ bis Spexard vor und besetzen Wiedenbrück.
Am Abend des ersten Ostertags, 1. April, geht die amerikanische Artillerie im Halbkreis um Gütersloh gegen die Stadt in Stellung. Gegen 23 Uhr erreicht Bürgermeister Josef Bauer die Meldung, dass ein amerikanischer Offizier den Angriff durch Luftwaffe und Artillerie angekündigt habe. Noch spät in der Nacht sucht der Bürgermeister Oberst Kröhl auf, um sich mit ihm zu besprechen. Am nächsten Tag eröffnet der Kampfkommandant dem Bürgermeister, dass er sich im Laufe des Tages mit seinen Truppen zurückziehen werde, die Verteidigung aber durch den Volkssturm aufrechterhalten werden soll. Aus den Aufzeichnungen Josef Bauers geht hervor, dass er den Krieg als endgültig verloren ansieht und alles versucht, um eine kampflose Übergabe der Stadt zu erreichen. Mit den Bataillonsführern hat der Bürgermeister vereinbart, dass sie den Befehlen des Kampfkommandanten nur bis zu seinem Abrücken Folge leisten und nach Abzug der Wehrmacht den Volkssturm sofort auflösen würden.
Nach Abzug der Truppen bittet Josef Bauer den evangelischen Pfarrer Paul Gronemeyer, den Amerikanern die Stadt kampflos zu übergeben. Dieser fährt am Ostermontag, 2. April 1945, mit einem Fahrrad und einer weißen Fahne Richtung Neuenkirchen den Amerikaner entgegen. „So haben Bürgermeister Bauer und Pastor Gronemeyer durch ihren Mut und unter Lebensgefahr die Zerstörung Güterslohs verhindert“, erinnert sich Rudolf Herrmann, der sich – mit seinen damals 14 Jahren – noch nicht recht über die Aufgabe der Soldaten freuen konnte. „Als Junge glaubte ich bis zuletzt an die versprochenen Wunderwaffen, die noch eine Wende herbeiführen sollten. Doch der Krieg war endgültig verloren.“ Er hat recherchiert, dass z.B. der Bürgermeister von Brackwede bei dem Versuch, seine Stadt ebenfalls kampflos zu übergeben, erschossen wurde.
Die Informationen basieren auf Quellen des Stadtarchivs und Aussagen des Zeitzeugen Rudolf Herrmann.