Brunsbüttel-Eddelaker-Koog und der Soldatendeich
Sieh einmal ganz genau hin links vom Weg! Hier beginnt ein Teilstück des noch vorhandenen, allerdings sehr eingewachsenen Soldatendeiches und ist immer mal wieder entlang der Westerbütteler Straße zu erahnen. Er endet nicht weit entfernt im Borsweg (achte auf kleine Erhebungen in der ansonsten flachen Landschaft [nicht zu verwechseln mit dendeutlich höheren Lärm-/schutzwällen in der Gegend]; leichte Vertiefungen können auf ehemalige Spranten der frühen Sturmfluten hinweisen).
Zu diesem Kapitel muss ich etwas weiter ausholen, aber es lohnt sich, denn die spannende Geschichte des Brunsbüttel-Eddelaker-Kooges ist durch wahrhaft dramatische Ereignisse geprägt.
Als „Geburtsdatum“ des Brunsbüttelkoogs kann man den 11. Juli 1762 annehmen.
An diesem Tag war es gelungen, die seit dem 15. November 1721 durch den sogenannten „Soldatendeich“ (rote Linie) umschlossenen Gebiete wieder einzudeichen.
Karte: W.H. Lippert 1950er „Das Kirchspiel Brunsbüttel 1717-1750“
Grün = Das ausgedeichte Gebiet, rot = Soldatendeich, 1721 / Green = The diked area, red = Soldier's dike, 1721
24.12.1717 - Alle früheren Sturmfluten wurden in den Schatten gestellt durch die furchtbare Weihnachtsflut.
Diese Sturmflut zerstörte an der ganzen Nordseeküste viele Deiche und war auch für das Kirchspiel Brunsbüttel äußerst verheerend. Die Schleuse des Eddelaker Flethes (heute Alter Hafen) brach aus dem Deich heraus und die große Braake [Bruch] riss 200m breit und weit ins Land hinein.
Es ertranken hier 175 Menschen (Dithmarschen 448, gesamte Nordseeküste 9-11.000), 900 Pferde und Rinder sowie 300 Schweine und Schafe. 100 Häuser wurden vernichtet, 270 Häuser mehr oder weniger schwer beschädigt. Das Dorf Oleburwöhrden, welches unmittelbar neben dem Eddelaker Fleth und Schleuse lag, ging in den Fluten unter. Die 10 km lange Deichstrecke von Holstengraben bis Nordhusen war beschädigt oder ganz zerstört. Es sollten aber noch 4 weitere ebenso verheerende Jahre folgen.
25.02.1718 - Noch während die ersten Geflüchteten zurückkehrten, brach die Eisflut mit mächtigen Eisschollen über das Land herein. Weitere Deiche und Wurten wurden zerstört. In dieser Not erließ der Dänische König für 1718 alle Steuern und befahl allen Einwohnern der Marsch und angrenzenden Geest, die Deiche wiederherzustellen. Die Bedingungen in Brunsbüttel waren besonders schwierig, denn jeder Deichschutz bis zur Stör-Miele-Region in Steinburg wurde durch die große Braake von hinten bedroht. Soldaten trieben die Arbeiten voran, Dänemark sandte große, 20m lange Baumstämme, um sie – ohne die Hilfe von schwerem Gerät! - in den Bruch (die Braake) zu rammen und so diese offene Wunde in der Schutzlinie abzudämmen.
30.06. und 15.07.1718 – Nur 4 Monate später machten neue Fluten alle Bestrebungen wieder zunichte. Mit Spaten machte man sich erneut an die Arbeit.
10.10.1718 – der erst Herbststurm fegt wiederum alles hinweg, was gerade aufgebaut wurde. Wie verzweifelt müssen die Menschen gewesen sein…
Im Frühjahr 1719 begannen die Arbeiten von neuem; östlich der Braake plagten sich die Wilster-Marsch-Leute, westlich die Brunsbütteler; aus dem Vorland wurde Deicherde mit Sturzkarren in die Einsturzstellen „gefahren“. Sogar 2 Brücken wurden über die Braake errichtet.
05. und 14.08.1719 – 2 Sommerstürme tobten und schlugen alles wieder zusammen. In Brunsbüttels Straßen fuhren die Bewohner mit Kähnen.
12.11.1719 – Ein erneuter Sturm wischt die letzten Reste fort
31.12.1719 –Ein noch heftigerer Sturm setzt dieses Vernichtungswerk fort. Diese Neujahrsflut zerbrach das Hohe Moor (Ostermoor). Die Abdämmung der Braake war alternativlos, sollte aber nicht gelingen. Im Frühjahr 1720 schickte der dänische König unter Aufsicht des Generals Jobbst von Scholten 5000 Soldaten, um die Bevölkerung zu unterstützen. Insgesamt waren bis zu 10.000 Menschen damit beschäftigt, erst einen Kaje-Deich (provisorischer Deich, um dahinter tideunabhängig am Hauptdeich zu arbeiten) zu errichten. [Anmerkung: All diese Menschen mussten versorgt und untergebracht werden – auf der anderen Seite fehlten die Männer in der Landwirtschaft – die Äcker waren durch Salzwasser über Jahre unfruchtbar - und der Errichtung der untergegangen Häuser und Höfe].
Die Arbeiten waren bereits fast abgeschlossen, als erneut ein Sturm erst den Kaje-Deich und dann die Abdämmungsarbeiten zur Braake vernichtete. Die Arbeiter konnten gerade noch ihre Leben retten und flüchteten von der Baustelle. An diesem Punkt resignierte man und gab das so geplante Vorhaben auf, es wurde noch im gleichen Jahr mit dem Bau eines Umgehungsdeiches – und somit der Ausdeichung des Brunsbüttel-Eddelaker-Kooges - begonnen.
Dieser Umgehungsdeich sollte halbmondförmig von Soesmenhusen über Westerbüttel [Standort!], Josenburg und Ostermoor nach Büttel (Steinburg) führen [den Nord-Ostsee-Kanal gab es damals ja noch nicht!].
Herbst 1720 – erneute Stürme rissen auch in diesen Umgehungsdeich an 3 Stellen ein. Die Arbeiten wurden aber im Frühjahr 1721 fortgesetzt.
Stärkster Nebenarm der Braake war die Westerbütteler Sprante. Die reißende Strömung riss immer wieder die Abdämmungen fort; die Lösung brachte ein quer zur Strömung, mit Erde gefülltes, versenktes Schiff. Diese Maßnahme am 15.11.1721 war ein Meilenstein in der Geschichte dieses Projektes. Nach 171 Tagen konnte die Baumaßnahme an diesem 10 Kilometer langen Umgehungsdeich – dem „Soldatendeich“ glücklich abgeschlossen werden.
In 4 Jahren 9 verheerende Sturmfluten, hohe Opferzahlen unter Menschen bei den Überschwemmungen, aber sicher auch während der Deichbauarbeiten und sicher auch durch Trauer, Mangel in der Versorgung, Erschöpfung durch übermenschliche Arbeitsanforderungen, Existenzängste, unschätzbare Einnahmeverluste, ruinierte Infrastruktur und auch der Acker- und Weideflächen, Versorgung und Unterbringung von tausenden dänischen Soldaten – verbunden mit vorprogrammieten sozialen Spannungen – all diese traumatischen Erlebnisse und eine tiefe, unvorstellbare Verzweiflung können nur prägenden Einfluss auf die Menschen der Region gehabt haben.
Es dauerte noch Jahre, bis sich die Marschen von den Überschwemmung mit Salzwasser erholt hatten. Dieser Deich hatte für die Menschen von der Stör bis in die Meldorfer Bucht große Bedeutung.
Die Ländereien wurden in den folgenden Jahrzehnten immer wieder von Fluten heimgesucht und so mit fruchtbarem Schlick aufgeschichtet. Es entwickelten sich saftige Viehweiden.
Erst gut 40 Jahre später – 1762 - sollte es gelingen, die Deichlinie zur Elbe hin an der Braake zu schließen. Ein neuer Koog war entstanden. [siehe Gedenkstein am Alten Hafen]. Der Soldatendeich wurde zum "Schlafdeich". Häufig wurden Schlafdeiche, die überall in den Kögen zu finden sind, abgetragen. Dies unterbindet seit einigen Jahren der Denkmalschutz.
Quellen zu diesen Ausführungen sind u.a. im Stadtarchiv Brunsbüttel zu finden [200 Jahre Brunsbüttel-Eddelaker Koog Sonderheft „Dithmarschen“1962 [ebenfalls ein denkwürdiges Sturmflutjahr]; John Jacobsen, Folge 14+15, BZ 29.10./05.11.1973; Brunsbüttel-Wiki]
Brunsbüttel-Eddelaker-Koog and Soldatendeich
Look exactly to the left of the path! This is where a section of the still existing, albeit very single-axle soldier's dike begins and can be glimpsed from time to time along Westerbütteler Straße. It ends not far away in the Borsweg (look out for small elevations in the otherwise flat landscape [not to be confused with the much higher noise/protection walls in the area]; slight depressions can indicate former sprouts of the early storm surges).
I have to go a little further on this chapter, but it's worth it, because the exciting history of the Brunsbüttel-Eddelaker-Kooge is characterized by truly dramatic events.
The "date of birth" of the Brunsbüttelkoog can be assumed to be 11 July 1762.
On this day, it was possible to re-embankment the areas that had been enclosed by the so-called "soldier's dike" (red line) since 15 November 1721.
Map: W.H. Lippert 1950s
24.12.1717 - All previous storm surges were dwarfed by the terrible Christmas flood.
This storm surge destroyed many dikes along the entire North Sea coast and was also extremely devastating for the parish of Brunsbüttel. The lock of the Eddelaker Flethes (today the Old Harbour) broke out of the dike and the large Braake tore 200m wide and far into the land.
175 people drowned here (Dithmarschen 448, entire North Sea coast 9-11,000), 900 horses and cattle as well as 300 pigs and sheep. 100 houses were destroyed, 270 houses were more or less severely damaged. The village of Oleburwöhrden, which was located directly next to the Eddelaker Fleth and lock, was submerged in the floods. The 10 km long dike section from Holstengraben to Nordhusen was damaged or completely destroyed. But 4 more equally devastating years were to follow.
25.02.1718 - While the first refugees were still returning, the ice flood broke over the country with mighty ice floes. Other dikes and burrows were destroyed. In this emergency, the Danish king waived all taxes for 1718 and ordered all the inhabitants of the marsh and adjacent geest to restore the dikes. The conditions in Brunsbüttel were particularly difficult, because every dike protection up to the Stör-Miele region in Steinburg was threatened from behind by the large braake.
30.06. and 15.07.1718 – Only 4 months later, new floods destroyed all efforts. Spades were used to get to work again.
10.10.1718 – the first autumn storm sweeps away everything that was being built. How desperate people must have been...
In the spring of 1719 the work began anew; east of the Braake the Wilster Marsh people toiled, to the west the Brunsbüttelers; from the foreland, dike earth was "transported" into the collapse sites with crash carts. Even 2 bridges were built over the Braake.
05. and 14.08.1719 – 2 summer storms raged and knocked everything together again. In Brunsbüttel's streets, the inhabitants traveled with barges.
12.11.1719 – Another storm sweeps away the last remnants
31.12.1719 – An even more violent storm continues this work of destruction. This New Year's flood broke up the Hohe Moor (Ostermoor). There was no alternative to damping the Braake, but it was not to succeed. In the spring of 1720, the Danish king, under the supervision of General Jobbst von Scholten, sent 5000 soldiers to support the population. In total, up to 10,000 people were busy building a quay dike (temporary dike to work on the main dike behind it, regardless of the tide). [Note: All these people had to be cared for and housed – on the other hand, there was a lack of men in agriculture – the fields were barren for years due to salt water – and the construction of the houses and farms that had perished].
This bypass dike was supposed to run in a crescent shape from Soesmenhusen via Westerbüttel [location!], Josenburg and Ostermoor to Büttel (Steinburg) [the Kiel Canal did not exist at that time!].
Dieser Umgehungsdeich sollte halbmondförmig von Soesmenhusen über Westerbüttel [Standort!], Josenburg und Ostermoor nach Büttel (Steinburg) führen [den Nord-Ostsee-Kanal gab es damals ja noch nicht!].
Autumn 1720 – renewed storms also tore into this bypass dike in 3 places. However, the work was continued in the spring of 1721.
The strongest tributary of the Braake was the Westerbütteler Sprante. The raging current tore away the dams again and again; the solution was a sunken ship perpendicular to the current, filled with earth. This measure on 15.11.1721 was a milestone in the history of this project. After 171 days, the construction work on this 10-kilometre-long bypass dike – the "Soldiers' Dike" – was happily completed.
In 4 years 9 devastating storm surges, high numbers of victims among people in the floods, but certainly also during the dike construction work and certainly also through grief, lack of supplies, exhaustion due to superhuman work demands, existential fears, inestimable loss of income, ruined infrastructure and also of arable and pasture land, supply and accommodation of thousands of Danish soldiers – combined with pre-program social tensions Tensions – all these traumatic experiences and a deep, unimaginable despair can only have had a formative influence on the people of the region.
It took years for the marshes to recover from the salt water floods. This dike was of great importance to people from the Sturgeon to the Meldorf Bay.
In the decades that followed, the lands were repeatedly hit by floods and thus piled up with fertile silt. Lush cattle pastures developed.
It was not until a good 40 years later - in 1762 - that it was possible to close the dike line to the Elbe at the Braake. A new Koog had emerged. [see memorial stone at the Old Harbour]. The soldiers' dike became the "sleeping dike". Sleeping dikes, which can be found everywhere in the Kögen, were often removed. This has been prevented by monument protection for several years.
Sources for these remarks can be found, among others, in the Brunsbüttel City Archives [200 Years of Brunsbüttel-Eddelaker Koog, Special Issue "Dithmarschen"1962 [also a memorable storm surge year]; John Jacobsen, 14+15, BZ 29.10./05.11.1973, Brunsbüttel-Wiki]