Da weithin sichtbar, ist der Pragbunker einer der markantesten Bunker Stuttgarts. Bisherige Caches, die direkt am Bunker selbst versteckt waren, sind mit der Zeit leider alle archiviert worden. Versuchen wir es also ein wenig abseits!
Schauen wir uns zunächst einmal die technischen Daten des Pragbunkers im Überblick an:
Allgemein
Der Bunker auf dem Pragsattel verfügte über 1200 Schutzplätze, im Zweiten Weltkrieg über 2190 Schutzplätze. Er wurde 1941/42 vom Bauunternehmen Ludwig Bauer aus Stuttgart erbaut; beteiligt waren 16 Arbeiter und 10 Kriegsgefangene. Er wurde 1988 instandgesetzt und 2016 aus der Zivilschutzbindung herausgenommen.
Ausstattung
Der Bunker auf dem Pragsattel hat bei einer Höhe von 30 Meter neun Stockwerke, die untereinander durch zwei gegenüberliegende Wendeltreppen verbunden waren. Das Bauwerk verfügte über einen Aufzug, der direkt in der Mitte installiert wurde; die Technik hierfür ist zwar noch vorhanden, der Aufzug selbst wurde jedoch schon vor Jahren außer Betrieb genommen. Die Werbung der Fa. Bosch erhöht den Bunker um weitere ca. 6 Meter. Er ist elektrifiziert, ein Generator kann als portables Gerät von außen angedockt werden. Er verfügt über einfache Lüftungstechnik, ist ans Stadtwasser angeschlossen und verfügt über Toiletten. Ein Notbrunnen fehlt jedoch, auch waren keine Betten eingelagert. Die Höhe der SSB-Antenne beträgt ca. 20 Meter.
Der Pragbunker steht seit Februar 2023 unter Denkmalschutz.
Nun noch die eine oder andere Geschichte zum Pragbunker, die ich den Internetseiten des Schutzbauten Stuttgart e. V. entnommen habe, bevor diese in den anmeldegeschützten Bereich verschoben wurden.
Der Bunker als Flakturm
Auf dem Dach befanden sich während des Krieges drei 2,0 cm Flakgeschütze (keine Doppelgeschütze) die den Luftraum bis 3000 Meter Höhe absichern sollten. Die Munition für diese Geschütze wurde mit dem Aufzug in den vorletzten Stock transportiert und dann von Soldaten oder Flakhelfern bis auf das Dach geschleppt. Für die Flakbesatzungen gab es auf dem Dach in der Mitte noch einen kleinen Splitterschutzraum. Die Munition wurde in einer Etage unterhalb des Daches gelagert. Diese befand sich bereits außerhalb des eigentlichen Schutzbereiches und hatte Fenster.
Der Bunker als Wohnheim
Der Bunker wurde nach dem Krieg als Wohnheim für Männer eingesetzt. 1955 waren in diesem Bunker 130 Männer untergebracht. Betreut wurde das Wohnheim von der Inneren Mission. Die Zustände waren erbärmlich. Zwei Männer teilten sich einen Raum von 5 Quadratmeter. Sie zahlten dafür 6 DM Miete je Woche. Das Wohnheim wurde von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart betreut. Die Belüftung erfolgte aus Ermangelung an Fenstern über die Lüftungsanlage aus dem Krieg. Für eine Dauerbelüftung war diese jedoch ungeeignet. Aus den Lüftungsrohren kam Staub und Schmutz, der sich an den Wänden und auf den Möbeln ablagerte. Der Bunker wurde von drei Bunkerwarten betreut, von denen mancher die Lüftungsanlage gar nicht erst einschaltete. Dementsprechend waren auch die Luftzustände in diesem Bauwerk. Wenn ein Bewohner auszog, erhielt der Nachfolger dessen Matratze ohne jegliche Reinigung – selbst, wenn der Vorbesitzer Bettnässer war. Zum 9. Januar 1964 wurde der Pragbunker als letzter Bunker, der als Notunterkunft diente, geräumt. Die dort untergebrachten Männer bezogen ein Wohnheim der Heilsarmee in der Hauffstraße sowie in dem 1963 neu eröffneten Heim in der Nordbahnhofstraße.
Der Bunker im Kalten Krieg
Nach dem Auszug der letzten Bewohner wurde der Bunker wieder dem Zivilschutz zugeführt und für die Belange des Kalten Krieges umgebaut. Im oberen Stockwerk wurden Räume für eine Messstelle der Radioaktivität eingerichtet (BAMSt - Beobachtungs- und ABC-Messstellen). Anschlüsse dafür sind auch heute noch vorhanden, Geräte dafür gab es jedoch zu keinem Zeitpunkt. Es war auch nur eine Unterbringung von wenigen Tagen vorgesehen - kein Langzeitaufenthalt. Eine eigene Notstromversorgung im Gebäude gab es nicht. Es ist ein Anschluss für ein mobiles Aggregat am Osteingang vorhanden, an dem dies angedockt werden kann.
Die größte Werbeplattform in Stuttgart
Viele kennen diesen Turm nur als größte "Litfasssäule" in Stuttgart. Weil zu Beginn als erstes eine große Leuchtreklame von Bosch mit einer Zündkerze als Leuchtreklame zu sehen war, wurde der Bunker als "Boschturm" betitelt. Für die Anbringung der Werbung sind an die Stadt Stuttgart Miete zu entrichten, die sich heute auf einen hohen fünfstelligen Betrag summiert. Der Bunker wurde in den 80er Jahren nach den Entwürfen von Waltraud Bücheler aus Hedelfingen farblich bemalt. Waltraud Bücheler hatte einen Wettbewerb über die Außengestaltung gewonnen. Sie war eigentlich nur für den Entwurf zuständig, führte aber die Bemalung auch selbst durch, als der Firma, welche die Ausführung ausführen sollte, dies zu schwierig erschien. Die Künstlerin hatte in ihrem Entwurf berücksichtigt, dass die damals vorhandenen Leuchtreklamen sich in die Gestaltung integrierten. Vom Motiv ließ sie sich durch die umgebenden Industriebauten inspirieren. Die Bemalung hat inzwischen sehr gelitten. Die Videowand kam in den 90er Jahren hinzu. Ab September 2013 hat die Firma Bosch den Vertrag für ihre Lichtwerbung nicht mehr verlängert. Anstatt des Bosch Schriftzuges, der dem Turm seinen Namen gegeben hat, tritt der Werbeschriftzug der Firma Mahle. Die Videowand wurde 2023 auf LED-Betrieb umgestellt.