Es heißt, wer in stillen Nächten am Abser Deichschaart steht, hört das ferne Knarren eines alten Tores – obwohl längst alles modernisiert und erneuert wurde.
Doch vor vielen hundert Jahren war dieses Tor die einzige Verteidigung gegen das Meer. Die Menschen im Land hinter dem Deich wussten: Das Wasser ist kein Feind, der stürmt. Es wartet. Geduldig.
In jenen Tagen legte sich eine Piratenbande in der Wesermündung auf die Lauer. Schwarzbeflaggte Schiffe, lautlos wie Schatten, näherten sich in frühen Morgennebeln. Sie suchten keinen Schatz – sie suchten Land. Und sie wussten: Wenn man den Deich bricht, holt sich das Meer den Rest.
Die Bewohner von Abser hatten davon gehört. Nacht und Nebel, Laternen im Wind, Wachen auf den Wällen. Alles hing an einem einzigen Punkt: dem Deichschaart-Tor.
Dort stand ein alter Wächter, berichtet man. Sein Name ging verloren, aber seine Worte blieben:
„Ein Tor muss nie ganz geöffnet werden, damit Gefahr eintreten kann.
Nein… ein Spalt genügt.“
Als die Piraten bei Dunkelheit anlandeten, hatte jemand – bis heute weiß niemand wer – das Deichschaart-Tor nicht richtig verriegelt.
Nur einen Fingerbreit offen. Kaum sichtbar.
Doch es reichte.
Mit dem Wind kam die Flut. Langsam, leise, unbemerkt.
Dann schneller.
Unaufhaltsam.
Das Wasser brach nicht hinein – es schlich.
Als die Piraten schließlich stürmten, fanden sie keine Beute.
Nur Stille.
Häuser, halb überflutet.
Straßen, wie erstickt von grauem Wasser.
Und kein einziger Mensch.
Man erzählt sich, dass die Bewohner nicht ertrunken sind.
Sondern fortgetragen wurden.
Wohin – das weiß niemand.
Seither sagt man:
Wer am Deichschaart bei aufkommender Flut ein Knarren hört, darf nicht nach dem Tor sehen.
Denn manchmal ist es wieder halb offen.
So, als warte es noch immer auf jemanden.
Oder etwas.
ACHTUNG... TRETMINEN sind hier schon gesehen worden