Es heißt, an den stillen Abenden, wenn Nebel vom Moor über das Strohhauser Sieltief kriecht, könne man noch das Knarren alter Planken und leises Rufen über dem Wasser hören.
Vor über 300 Jahren legte eine kleine Piratenmannschaft aus Bremerhaven hier heimlich an. Ihr Kapitän, Jan „Schwarzbart“ Ohlers, hatte erfahren, dass die Strohhauser Bauern – still, fleißig und unscheinbar – in ihren Scheunen nicht nur Stroh lagerten, sondern auch Silbertaler, die sie vom Viehhandel mit der Weser-Schifffahrt bekommen hatten.
In der mondlosen Nacht glitten die Piraten lautlos die schmale Wasserader hinauf. Nur das Plätschern ihrer Ruder verriet sie – und selbst das wurde vom Wind verschluckt. Sie schlichen sich an die Höfe, bereit alles zu nehmen, was glänzte.
Doch die Dorfbewohner waren nicht so wehrlos, wie die Piraten glaubten.
Der alte Schmied Hinnerk, ein Riese von einem Mann, hatte die fremden Schritte gehört. Ohne ein Wort zu verlieren, klopfte er mit seinem Hammer dreimal gegen den Amboss. Das war das geheime Zeichen – und in wenigen Augenblicken standen die Männer und Frauen von Strohhausen bereit. Sensen, Mistgabeln, Holzkeulen, sogar der Pastor mit einem Eimer Weihwasser – jeder stand Schulter an Schulter.
Als die Piraten zwischen den Scheunen hervortraten, erwartete sie keine leichte Beute, sondern ein entschlossener Wall aus Dorfbewohnern.
Es heißt, der Kampf dauerte nur wenige Minuten. Schwarzbart verlor seinen Hut, seine Beute – und seinen Mut. Die Piraten flohen in Panik zurück zu ihrem Boot und stießen es hastig vom Ufer. Doch das Sieltief gab es nicht so schnell frei – die Strömung legte sich gegen sie. Manche sagen, das Moor selbst habe geholfen.
Seitdem wurde kein Pirat mehr im Strohhauser Sieltief gesehen.
Doch manchmal…
wenn Nebel über dem Wasser liegt, hört man Ruderschläge.
Und irgendwo, tief unten im Schlamm, soll Schwarzbarts Hut noch immer liegen.