Vor kurzem bin ich mit Herrn krotnpracker hier vorbeigefahren und da hat er sich plötzlich eingebremst. Was ist denn los ?! Da ist ja ein jüdischer Friedhof ... Wir müssen tatsächlich zu unserer Schande gestehen, dass wir beide unabhängig voneinander schon oft genug hier vorbeigefahren (er) bzw. vorbeigeradelt (ich) sind, aber aufgefallen ist uns dieses Areal bis dato nie.
Auf dem knapp 13.000 m2 großen und somit größten jüdischen Friedhof Niederösterreichs, wurden von 1873 bis heute ca. 2.200 Personen, vor allem Mitglieder der jüdischen Gemeinde Badens, aber auch Gäste aus allen Teilen der Donaumonarchie, die während eines Kuraufenthaltes in bzw. bei Baden verstarben, bestattet. Es sind ca. 1.400 Grabsteine erhalten. Der Friedhof ist von seiner Belegung her der größte jüdische Friedhof Österreichs außerhalb von Wien und steht unter Denkmalschutz.
Im November 1871 wurde ein ca. 4.000 m2 großes Grundstück an der heutigen Adresse Halsriegelstraße 2, das damals als Acker genutzt wurde, durch den Israelitischen Kultusverein angekauft, um einen jüdischen Friedhof zu errichten. Beerdigt wurden Juden aus den Gerichtsbezirken Baden und Pottenstein, Gumpoldskirchen sowie Personen jüdischen Glaubens, welche während des Kuraufenthaltes in Baden bzw. Bad Vöslau und weiters in der Lungenheilanstalt in Alland verstorben waren. Im Zuge von mehreren Zukäufen wuchs der Friedhof bis 1923 auf die heutige Größe von ca. 13.000 m2 an.
Auf dem Areal wurde ein Wärterhaus samt Aufbahrungshalle und Sezierzimmer eingerichtet. Aufgrund einer behördlichen Auflage zur Vorbeuge von Scheintoden, wurde den Leichen ein Stück Leitungsdraht um die Hand geschlungen, dieser Draht war wiederum mit einer Glocke in der Wärterwohnung verbunden.
Im November 1903 wurde der renommierte Architekt Wilhelm Stiaßny mit der Ausarbeitung von Plänen für eine neue Zeremonienhalle betraut. Im März 1906 wurde der eigens aus Jerusalem beschaffte 200 kg schwere Schlussstein gelegt. Die Zeremonienhalle war 16 Meter lang und 9 Meter breit, die Kuppel 10 Meter hoch.
Das Jugendstil-Bauwerk wurde im Zuge der Novemberpogrome 1938 von Badener Bürgern gesprengt.Die Lokalpresse ging auf die Vorkommnisse nicht ein. In zynischer Manier führte die Stadt Baden gegenüber der jüdische Gemeinde den Betreff „Baugebrechen an der Zeremonienhalle des jüdischen Friedhofes in Baden“ an und forderte sie auf den Schutt „den Schutt zu entfernen und den Friedhof in zierlicher Art einzufrieden, sodass von außen nicht mehr auf einen jüdischen Friedhof geschlossen werden kann.“
1940 gelang der jüdische Friedhof durch Arisierungswege in den Besitz der Stadt Baden. Ein Abtragen der Grabsteine konnte mit dem Hinweis, dass die Grabsteine nicht Gegenstand des „Kaufvertrages“ werden, verhindert werden. Die Grabsteine seien nämlich kein Eigentum der israelitischen Kultusgemeinde Baden, sondern der Hinterbliebenen. Die Nazizeit überstand der jüdische Friedhof – mit Ausnahme der Sprengung der Zeremonienhalle im Jahr 1938 – ohne weitere Schändungen.
Im Oktober 1947 wurden die sterblichen Überreste von in Altenmarkt erschossenen Zwangsarbeiter/innen am jüdischen Friedhof in Baden beigesetzt. Zu den auf den Friedhof bestatteten Personen gehört unter anderem auch die 1967 verstorbene französisch-schweizer Schriftstellerin und Friedensaktivistin Irma Schweitzer.
Die Pflege des Friedhofes übernahm die Familie Felbermaier – mehrere Generation hinweg – von 1874 bis 1993. Heute ist die Stadtgemeinde Baden für die Pflege verantwortlich. Der Friedhof wird – als einer der wenigen in Niederösterreich – auch heute noch belegt.
Der Friedhof ist versperrt. Für interessierte BesucherInnen liegt der Schlüssel beim Bürgerservice der Stadtgemeinde Baden auf.
Textquellen: www.jewishhistorybaden.com ; www.ikg-wien.at ; Wikipedia
Hintergrundbild: ctl3112